Jeder vierte Patient ist mangelernährt

Mediziner-Tagung in Kassel: Millionen Tote durch falsche Ernährung

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Kann unter anderem Diabetes, Bluthochdruck und Krebserkrankungen verursachen: Um Übergewicht nachhaltig entgegenzuwirken, wollen die Mediziner der Ernährungs-Tagung in Kassel präventiv in der Jugend ansetzen.

Kassel. Bei der Tagung "Ernährung 2018" diskutieren am Wochenende 1700 Mediziner und Ernährungswissenschaftler über die Abhängigkeit von Gesundheit und Ernährung.

In einer gemeinsamen Erklärung stellen die veranstaltenden Verbände deutliche Forderungen an die Politik. Essen ist nicht nur Genuss, nicht nur Bedürfnis, es ist auch eines der wichtigsten Mittel für ein langes und gesundes Leben. Weil Ernährungsmedizin und -therapie immer noch eine untergeordnete Rolle im Gesundheitswesen spielen, haben sich Mediziner aus ganz Deutschland solidarisiert.

Zum Auftakt der Tagung „Ernährung 2018“, die an diesem Wochenende mit 1700 Besuchern im Kongress Palais stattfindet, unterzeichneten Vertreter dreier ernährungsmedizinischer Verbände die Kasseler Erklärung. In dieser stellen sie Forderungen an Politik, Kollegen und Krankenkassen.

Ernährungsmedizin, Beratung und Betreuung müssten fest in Ausbildung, Klinik und Praxis integriert werden. Außerdem sollte Ernährungstherapie von Krankenkassen finanziert werden, um frühzeitig falscher Ernährung vorbeugen zu können. Zuletzt nehmen die Mediziner in der Kasseler Erklärung die Politik in die Pflicht, gesetzliche Strukturen zu schaffen, um diese Rahmenbedingungen umsetzen zu können.

Nach einer weltweiten Studie sind im Jahr 2016 zehn Millionen Menschen an den Folgen ungesunder Ernährung gestorben. Das größte Problem ist Übergewicht. In Deutschland sind 50 Prozent der Frauen und mehr als zwei Drittel der Männer übergewichtig oder sogar adipös. Folgekrankheiten sind unter anderem Diabetes, Bluthochdruck und Krebs.

Prof. Dr. Christian Löser

Hier kommt das Problem der Mangelernährung ins Spiel. 20 bis 30 Prozent aller Krebspatienten würden nicht an der Grunderkrankung, sondern an den Folgen ihrer Mangelernährung sterben, sagt Prof. Dr. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik der DRK-Kliniken. Etwa ein Viertel aller stationär aufgenommener Patienten in deutschen Krankenhäusern wiesen Zeichen einer Mangelernährung auf. Die bundesweiten Werte, so Löser, hätten auch für Nordhessen und Kassel Gültigkeit. 

Bei der Pressekonferenz am Donnerstag sprachen Vertreter der ausrichtenden Verbände über Adipositas, Mangelernährung und Krebserkrankungen in Verbindung mit Ernährung.

Übergewicht

Prof. Dr. Johannes Georg Wechsler

Adipositas, auch Fettsucht genannt, und Übergewicht haben welt- und deutschlandweit in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. 30 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer in Deutschland sind übergewichtig. Das entspricht einem BMI (Body-Mass-Index) von 25 bis 30. Adipositas (BMI über 30) kann bei 21 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer diagnostiziert werden. Auch bei Kindern nehmen Übergewicht und Adipositas immer mehr zu. Circa zehn Prozent der Kinder in Deutschland sind bei ihrer Einschulung übergewichtig.

Individuelle Ernährungstherapien über einen befristeten Zeitraum hält Wechsler für sinnlos. „Sehr viel Geld wird unsinnig ausgegeben.“ Man müsse in der Jugend ansetzen, sagte Prof. Dr. Johannes Georg Wechsler, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM) aus München. Dort liege der Ursprung für Übergewicht und Adipositas.

Regelmäßige Bewegung in Kitas, Schulen und in der Freizeit etwa sei deshalb wichtig. „Es muss charmant und cool werden, in die Schule zu radeln, statt sich mit dem SUV vorfahren zu lassen“, sagte Ingrid Acker, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE).

Mangelernährung

Weitaus unterschätzter als Übergewicht und Adipositas sei das Problem der Mangelernährung. Jeder vierte Patient, der stationär in ein deutsches Krankenhaus aufgenommen wird, weise relevante Zeichen einer Mangelernährung auf, sagt Prof. Dr. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik der DRK-Kliniken und Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).

Mangelernährung verschlechtere automatisch die Diagnose der Patienten. Besonders Krebspatienten seien gefährdet: Jährlich sterben allein 20 bis 30 Prozent aller Krebspatienten nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern an Folgen der Mangelernährung. Diese sei am Ende auch ein gesellschaftliches Problem. Laut einer Untersuchung verursache Mangelernährung in der EU 170 Milliarden Euro Kosten pro Jahr.

Krebserkrankungen

Prof. Dr. Hartmut Bertz

„Wir legen in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter den Grundstein dafür, mit Mitte 40 einen Tumor zu bekommen“, sagte Prof. Dr. Hartmut Bertz, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin und Sektionsleiter Ernährungsmedizin und Diätetik am Universitätsklinikum Freiburg. Gerade bei Krebserkrankungen spiele falsche Ernährung eine entscheidende Rolle. Adipositas begünstigt Krebs, Mangelernährung verschlechtert die Heilungschancen erheblich, da der Körper geschwächt ist.

Übergewicht ist sogar dabei, Nikotin als Hauptursache für Krebs abzulösen. „Zu viel Essen, zu wenig Bewegung und daraus resultierendes Übergewicht haben einen größeren Einfluss auf die Entstehung und das Voranschreiten von Tumorerkrankungen als Nikotinkonsum“, sagt Bertz. So sei die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, für stark übergewichtige Frauen – mit einem BMI von über 35 – ungefähr um 90 Prozent erhöht.

Um grundlegend etwas am Stellenwert von Ernährungsmedizin und Ernährungstherapie im Gesundheitswesen ändern zu können, müsse die Politik in die Pflicht genommen werden, sagte Prof. Dr. Johann Ockenga, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).

In ihrer Kasseler Erklärung fordern die drei Verbände etwa, Ernährungsmedizin, -beratung und -betreuung in der medizinischen Ausbildung, in Klinik und Praxis zu etablieren. Außerdem müsse Ernährungstherapie zu einer definierten Leistung der gesetzlichen Krankenversicherungen werden.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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