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Viele Rückenoperationen überflüssig – Nordhessische Mediziner über Alternativen

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Von: Anna Weyh

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Experten für Rücken und Schmerzen: (links) Dr. Andreas Böger, Chefarzt für Schmerzmedizin, und Dr. Rafael Sambale, Chefarzt für Wirbelsäulenorthopädie in der Vitos Orthopädische Klinik Kassel.
Experten für Rücken und Schmerzen: (links) Dr. Andreas Böger, Chefarzt für Schmerzmedizin, und Dr. Rafael Sambale, Chefarzt für Wirbelsäulenorthopädie in der Vitos Orthopädische Klinik Kassel. © Anna Weyh

Die Menschen in Deutschland werden immer häufiger am Rücken operiert. Doch oft ist das nicht notwendig, sagt Dr. Rafael Sambale, Chefarzt in der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel.

Kassel – Die Beschwerden und eine gründliche körperliche Untersuchung sowie der bildgebende Befund aus dem MRT zeigen zusammen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten an. „Wenn da dann die Indikation für eine OP gegeben ist und der Patient die OP auch möchte, operieren wir“, sagt Sambale. Viele Medizinerinnen und Mediziner würden aber nur auf die Bilder schauen und die körperliche Untersuchung vernachlässigen. „Das, was die Bilder zeigen, löst aber nicht unbedingt die Schmerzen aus“, sagt der Chefarzt.

Sein Team sehe zum Beispiel mehr asymptomatische Bandscheibenvorfälle durch Zufallsbefunde als Bandscheibenvorfälle, die Beschwerden bereiten.

Denn meist haben Rückenschmerzen mehrere Ursachen. Häufig finden sich in einer gründlichen körperlichen Untersuchung Störungen der Muskulatur und des Faszienapparats, bei langdauernden Schmerzen kommen manchmal seelische Faktoren hinzu. „Wenn wir da nur auf die Bilder gucken, ist das fatal“, sagt auch Dr. Andreas Böger, Chefarzt für Schmerzmedizin, Manuelle Therapie und Naturheilverfahren bei Vitos in Kassel.

Sein Team behandelt im größten hessischen Schmerzzentrum vor allem Patienten mit chronischen Rücken-, Kopf- und Nervenschmerzen, meist ambulant mit sanften Medikamenten, Akupunktur, Neuraltherapie, Physiotherapie oder Osteopathie. In manchen Fällen sei aber auch eine stationäre oder tagesklinische multimodale Schmerztherapie nötig. „Damit haben wir gut funktionierende individuelle Alternativen zur Operation“, sagt Böger.

Wichtig sei es, die Schmerzen und Funktionsbehinderungen immer für den einzelnen Patienten individuell zu betrachten. „Was für einen Menschen kaum Probleme bereitet, kann einen anderen stark einschränken“, sagen Böger und Sambale. Ziel sei es, für jeden Betroffenen die beste Lösung zu finden.

Die hohe Zahl an Operationen liege aber auch in den Reglementierungen durch die Krankenkassen begründet, sagen die Experten. Die stationäre konservative Wirbelsäulenorthopädie – dazu zählen Physiotherapie, lokale Wärmeanwendungen, aber auch die Behandlung mit Medikamenten und Spritzen – ist nahezu tot, sagt Dr. Rafael Sambale. „Die Krankenkassen wollen keine stationären Aufenthalte mehr bezahlen“, sagt er. Stattdessen unterstützen die Kassen ambulante Behandlungen.

„Die Idee der Ambulantisierung ist nicht falsch, aber viele Patienten haben gar nicht die Chance dazu, denn die Kapazitäten fehlen“, so Sambale. Wenn ein Patient mit ständigen Schmerzen drei Monate auf einen ambulanten Termin warten müsse, fordere er aus Verzweiflung oft irgendwann eine Operation. Häufig werden dadurch Patienten operiert, die man gut mit konservativen Methoden hätte behandeln können, sagt der Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie. Sambale fordert deshalb, radiologische Behandlungen auch ambulant im Krankenhaus anbieten zu dürfen – aktuell dürfen das die Mediziner nur bei Patienten mit stationärem Aufenthalt.

Dr. Rafael Sambale sieht aber auch die positive Seite in den zahlreichen Rücken-OPs: „Der Zugriff auf die Diagnostik und Arzttermine ist bei uns deutlich besser als in anderen Ländern. Da gibt es viel längere Wartezeiten und dadurch auch weniger Operationen“, sagt er.

Damit Patientinnen und Patienten sichergehen können, dass eine Operation bei ihnen auch wirklich sinnvoll ist, raten Dr. Andreas Böger und Dr. Rafael Sambale zur Zweitmeinung. „Jeder hat die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Das wird aber kaum genutzt“, sagt Sambale. „Hierfür gibt es von einigen Krankenkassen auch spezielle Programme mit reduzierter Wartezeit, bei denen wir Ansprechpartner sind, um unnötige Operationen zu verhindern“, ergänzt Böger.

Regionale Unterschiede der Rückenoperationen

Neben der Zunahme der Operationen hat die Bertelsmann-Stiftung festgestellt, dass Eingriffe am Rücken in einigen Regionen bis zu 13-fach häufiger durchgeführt werden als in anderen. Dazu wurden in den 402 Landkreisen und kreisfreien Städten Deutschlands Daten erhoben.

In der Stadt Kassel gibt es durchschnittlich etwa 242 Bandscheiben-Operationen pro 100 000 Einwohner. Im Landkreis 240 dieser OPs. Damit liegt die Region über dem Bundesdurchschnitt von 199 Fällen pro 100 000 Einwohner. Die wenigsten Bandscheiben-OPs in Deutschland gibt es im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (85 bei 100 000 Einwohner), die meisten Bandscheiben-OPs im Landkreis Hersfeld-Rotenburg (567 Fälle). Bei der Untersuchung wurde der Wohnort der Patienten gezählt, nicht der Ort der Operation. Alters- und Geschlechtsstrukturen sind rechnerisch ausgeglichen.

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