Dr. Horst Haferkamp zeigte bei den Gesundheitstagen seine historische Sammlung

„Medizingeschichte ist spannend“

Medizinhistorische Schätze: Horst Haferkamp zeigt ein altes Operationsbesteck und ein Inhaliergerät, die auf einem Feld-OP-Tisch stehen. Theodor Billroth (1829-1894), der Begründer der modernen Bauchchirurgie, hat auf solchen Tischen operiert. Ein Teil der Sammlung ist im Billroth-Haus auf Rügen zu sehen. Foto:  Heise-Thonicke

Kassel. Das unscheinbare kleine Kästchen könnte der unkundige Betrachter fast übersehen. Der Kenner aber gerät ins Schwärmen, weiß er doch um die Geschichte und Geschichten, die sich dahinter verbergen. Dr. Horst Haferkamp hat viele solcher Schätze der Medizingeschichte gesammelt. Bei den Kasseler Gesundheitstagen in der Stadthalle stellte er einen kleinen Teil seiner medizinhistorischen Sammlung, der größten privaten in Deutschland, aus.

Das kleine, rote Holzkästchen fand einst seine Frau mit dem fachkundigen Auge einer Krankenschwester zwischen Tomaten auf einem englischen Flohmarkt. Es enthält das Operationsbesteck eines Augenarztes - mit Graefe-Messer für Staroperationen und kleinen Glaszylindern, die einst Kokain enthielten. „Es markiert den Beginn der Lokalanästhesie“, weiß Haferkamp: Carl Koller (1857 bis 1944), Augenarzt am Allgemeinkrankenhaus in Wien, hatte nach einem Hinweis seines Freundes Sigmund Freud entdeckt, dass man mit einer Kokain-Lösung das gesamte Auge betäuben kann.

Der 69-jährige Mediziner hat noch mehr solcher Meilensteine in seiner Sammlung. Crooksche Röhren aus dem Jahr 1898 zum Beispiel, die nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen für bildgebende Untersuchungen genutzt wurden. Oder ein altes Mikroskop, wie es auch einst Nobelpreisträger Robert Koch oder Rudolf Virchow, der Begründer der modernen Pathologie, benutzten. Medizingeschichte wurde aber auch in unserer Region geschrieben, erzählt Haferkamp begeistert. Dr. Franz Kuhn (1866-1929), der erste Chirurg am Kasseler Elisabeth-Krankenhaus, war solch ein Pionier. Er gilt als Begründer der modernen Anästhesie, weil er 1901 die Intubationsnarkose in der Chirurgie einführte. Nachdem er bei einer Zugfahrt dem Hof-Apotheker Carl Braun begegnete, entwickelte man gemeinsam steriles, resorbierbares Nahtmaterial - ein Meilenstein in der Chirurgie, aber auch für die Entwicklung des heutigen Weltunternehmens B. Braun Melsungen.

Sammlung seit 1969

Horst Haferkamp kann sich für solche Geschichten und Exponate besonders begeistern. „Medizingeschichte ist wahnsinnig spannend“, schwärmt er. Seit 1969 sammelt er deshalb alles, was mit Medizin zu tun hat. In seinem Haus bewahrt er Tausende solcher Stücke auf.

Den Anstoß für diese Leidenschaft gaben zufällige Funde in einem alten Bunker, auf den er stieß, als er im Bremer Joseph-Stift arbeitete. Dort hatte Haferkamp übrigens unter anderem das erste Dialysezentrum aufgebaut. Das war, bevor er sich mit Herzblut der Chirurgie zuwandte. Haferkamp operiert seit über 30 Jahren in Kassel, leitete elf Jahre lang die Handchirurgie am Klinikum und operiert derzeit noch an der Vitos Orthopädischen Klinik.

Wenn alles gut geht, soll seine Sammlung bald im neuen Kasseler Technik-Museum einen Platz finden.

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Von Martina Heise-Thonicke

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