Medizinische Untersuchungsstelle für geistig Behinderte

1000 Behinderte unversorgt - Arzt: "Wir wollen Spezialisten zum Patienten bringen"

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Medizinische Zentren für Erwachsene könnten eine Versorgung behinderter Menschen gewährleisten: Unser Archivfoto zeigt eine Aufnahme aus dem Klinikum Magdeburg, wo eine Computertomographie vorgenommen wird.

Kassel. Rebecca Kantwill hat panische Angst vor Ärzten. Wenn sich der 31-Jährigen ein Mediziner nähert, womöglich noch mit dem Ansinnen, ihr für eine Routineuntersuchung Blut abzunehmen, wehrt sie sich mit Händen und Füßen.

Rebecca, die im Kasseler Werkhof lebt und arbeitet, ist geistig behindert. Sie kann nicht sprechen und hat grundsätzlich Probleme, Schmerzsymptome zu lokalisieren und zu kommunizieren, sagen ihre Eltern Helga und Frieder Kantwill aus Guxhagen. Es hilft nichts, denn auch Rebecca muss manchmal – wie andere auch – Ärzte konsultieren – und sei es zur Vorsorge.

Wie aber können ärztliche Untersuchungen, gar Behandlung, für Menschen wie Rebecca am besten bewerkstelligt werden? Mediziner dürfen in ihrer Arbeit nicht behindert und Patienten muss die Angst genommen werden. „Das funktioniert häufig nur, wenn die Patienten sediert werden“, wissen Helga und Frieder Kantwill aus Erfahrung.

Komplexe Behinderungen

Seit Jahren macht sich das Paar für die Einrichtung einer zentralen Untersuchungsstelle für geistig behinderte Erwachsene, für ein Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) – stark. Es sollte im Klinikum Kassel angesiedelt sein. Die Behandlung in einem MZEB, von dem es bereits einige in Deutschland, etwa auch in Braunschweig, gibt, richtet sich an Erwachsene, die wegen der Art, Schwere oder Komplexität ihrer Behinderung auf die Behandlung in solch einem Zentrum angewiesen sind. Der Bedarf ist groß: Fachleute schätzen, dass allein in der Region Kassel 1000 behinderte Patienten unversorgt sind.

Wünschen sich ein medizinisches Zentrum in Kassel: Helga und Frieder Kantwilll möchten für ihre erwachsene Tochter eine optimale ärztliche Versorgung.

Mit ihrem Ansinnen sind die Kantwills deshalb nicht alleine. Seit den 1990er-Jahren fordern die Fachverbände für Menschen mit Behinderung wie die ev. Behindertenhilfe eine diesbezügliche Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung, vor allem der Erwachsenen. Auch die deutsche Ärzteschaft hat sich während des Deutschen Ärztetags 2009 den Forderungen nach medizinischen Zentren angeschlossen.

Vorkämpfer in Kassel ist Prof. Dr. Bernd Wilken, der Direktor der Klinik für Neuropädiatrie und des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum. Er beruft sich bei seinem Engagement auf das Versorgungsstärkungsgesetz, das seit Juli 2015 in Kraft getreten ist und die rechtliche Grundlage gelegt hat. Wilken hat vor zwei Jahren bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen für das Klinikum den Antrag auf ein Zentrum für multidisziplinäre Behandlungen gestellt und ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Seitdem hat er von der KV nichts mehr gehört. Träger eines MZEB in Nordhessen könnte das Klinikum sein.

Prof. Dr. Bernd Wilken

„Wir benötigen viele Experten – Psychologen, Neurologen, Internisten, Gynäkologen und andere Fachärzte mehr – an einem Ort, um die medizinische Versorgung qualitativ auf ein hohes Niveau zu bringen“, erklärt Wilken. Werde ein behinderter Mensch unter Narkose ärztlich behandelt, sollten ebenfalls prophylaktisch gleich andere notwendige Untersuchungen vorgenommen werden. Wilken: „Wir wollen die Spezialisten zum Patienten bringen, anstatt den Patienten zu verschiedenen Spezialisten.“

Schon als Kinder waren viele der betroffenen Patienten im Klinikum, sie sind den Ärzten dort bekannt. „Aber die Kinder werden auch mal erwachsen, und dann gibt es für sie diese pädiatrische Versorgung nicht mehr“, sagt Professor Wilken. Das sei das Dilemma. „Diese Versorgungslücke muss dringend geschlossen werden.“

Unterstützung bekommt Wilken außerdem von vielen niedergelassenen Ärzten. Sie seien mit der Behandlung von geistig behinderten Patienten häufig „allein gelassen und überfordert“.

Helga Kantwill: „Ich kann mir nicht erklären, warum sich die KV bei der Einrichtung eines Medizinischen Zentrums so quer stellt.“

Hintergrund: KV Hessen entscheidet über Zulassung

Der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) entscheidet für jeden Arzt, der an einer ambulanten Versorgung teilnehmen will, also auch für ambulante Angebote an Krankenhäusern, darüber, ob das notwendig ist oder nicht. Dabei gehe der Bereich der niedergelassenen Ärzte immer vor. Die KV verteilt das Geld im sogenannten ambulanten Topf. Eine Versorgung ohne Zulassung durch die KV ist nicht möglich und wird nicht bezahlt.

Nach einem Antrag (in Kassel wurde ein Antrag für ein MZEB am Klinikum bereits gestellt) entscheidet der Zulassungsausschuss. Das sei eigentlich ganz einfach, sagt Prof. Bernd Wilken vom Klinikum. In Hessen passiere aber nichts. Es würden immer wieder Nachfragen gestellt („zum Teil die komplett gleichen Fragen“, so Prof. Wilken). Es wirke wie ein Spiel auf Zeit.

Dass die KV Hessen das Versorgungsstärkungsgesetz anders auslegt, nämlich als Option, entspreche nicht den Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums, sagt Wilken. MZEB seien keine Utopien. In anderen Bundesländern werden sie zunehmend zugelassen. Es gibt sie bereits über die gesamte Bundesrepublik verteilt: in Dresden ebenso wie in Würzburg oder in Braunschweig.

Das sagt der Werkhof-Leiter: „Prekäre Situation in Kassel“

Auch Stefan Pötzsch vom Werkhof Kassel, einer beschützenden Einrichtung, wo Rebecca Kantwill lebt und arbeitet, unterstützt das Vorhaben, ein medizinisches Behandlungszentrum einzurichten, von ganzen Kräften. „Wir haben in Kassel eine wirklich prekäre Situation. Das Problem: Menschen mit geistiger Behinderung können häufig nicht problemlos ihre gesundheitlichen Probleme artikulieren.“

Müssten mehrere Ärzte konsultiert werden, sei das für ihn und seine Kollegen, die die Patienten begleiteten, eine „große organisatorische Herausforderung“. Manchmal müsse der Anästhesist sogar in die Einrichtung am Park Schönfeld kommen. Die niedergelassenen Ärzte bemühten sich, seien aber häufig überfordert.

Pötzsch: „Ein Zentrum muss her.“ Dass es an der Zeit ist, dass sich was ändert, zeigt die Tatsache, dass an der Uni Göttingen jetzt sogar ein entsprechender Lehrstuhl eingerichtet worden sei.

Das sagt die KV: Datenschutz - Keine Informationen

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat sich auf die HNA-Frage zum Kasseler Antrag für ein MZEB bedeckt geäußert. Jeder Zulassung liege ein komplexes Verfahren zu Grunde, „das selbstverständlich gebunden ist an die Richtlinien des Datenschutzes“, antwortete Sprecherin Petra Bendrich: Zulassungs- und Berufungsausschuss arbeiteten autonom, seien also keine Einrichtungen der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Sie bat deshalb um Verständnis, dass sie auf unsere Anfrage „keine vertraulichen Daten“ weitergeben könne. 

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