Die Doku „Versicherungsvertreter“ über den ehemaligen MEG-Chef hat Mittwoch in Leipzig Premiere

Göker kommt ins Kino

Mehmet Göker

Kassel. Mehmet Göker hat es sich bequem gemacht. Er sitzt entspannt in einem Sessel in seinem türkischen Haus. Dann sagt er in die Kamera: „Ich bin ein in sich gekehrter Mensch geworden. Ich bin glücklich. Egal was andere denken. Es spielt keine Rolle mehr.“

So beginnt der Film „Versicherungsvertreter - Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“. Gedreht hat ihn der Kasseler Filmemacher und Grimme-Preisträger Klaus Stern. Die Dokumentation hat am Mittwoch, 19. Oktober, beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig Premiere. Die Schnitte im Film kommen abrupt. So plötzlich, wie Mehmet Göker wechseln konnte zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Kurz nach der Eingangsszene sieht man einen anderen Göker. Da steht er vor Gericht, wird wegen Beleidigung und Bedrohung zu 2500 Euro Geldstrafe verurteilt.

Stern erklärt in seinem Film nur ansatzweise, wie das große Geschäft der Versicherungen funktioniert und was daran schlimm ist. Er zeigt den Weg des Mehmet Göker. Vom Jungen in der kleinen Wohnung in Kassel-Helleböhn über den Ferrarifahrer und Villenbewohner bis zum Kriminellen, der eine Millionenpleite hinlegte. Und der es sich jetzt mit Mutti und Muckibude in der Türkei gut gehen lässt. Weggefährten versuchen in dem Film zu beschreiben, wie es war mit und bei Göker. Zu den Hauptkritikern zählt der einstige KSV-Torwart Zoran Zeljko. Von ihm sind auch selbstkritische Töne zu hören: „Mich hat niemand hingezwungen. Ich wollte dabei sein."

Doch schließlich kam die Erkenntnis: „Es war wie ein Überwachungsstaat. Die Leute waren nervlich am Ende.“ Zu den Selbstkritischen gehört auch Ferrari-Händler Helmut Eberlein. Er machte anfangs gute Geschäfte mit Göker und seiner MEG. 13, 14 Ferraris wurden geordert. Doch dann wurde eine vereinbarte Anzahlung von 50 000 Euro nicht überwiesen. Eberlein: „Wir haben den Punkt verpasst, einfach Nein zu sagen.“ Das machten andere Kunden, die dem Ferrari-Händler den Rücken kehrten. Der Film enthält etliche Aufnahmen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, die bei Firmenfesten gefilmt wurden.

Eine mutet für Menschen, die nicht Teil des Systems Göker waren, besonders peinlich an: Göker verteilt MEG-Siegelringe an erfolgreiche Mitarbeiter. Dazu fällt er vor Vorstandsmitglied Alexander Bräutigam auf die Knie. Göker fragt: „Möchtest du ein Leben lang mit mir dein Blut, dein Herz teilen?“ Göker ist eitel und selbstverliebt. Wir sehen, wie er sich in New Yorker Boutiquen einkleidet, wie er alles daransetzt, sich mit Prominenten ablichten zu lassen.

Eines Tages ist Günter Netzer zu Gast in der Firmenzentrale in Waldau. Göker versäumt es, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Später ruft er in die Vorstandsrunde hinaus: „Jetzt habe ich ein Foto vergessen, verdammte Hacke!“ Seine Verurteilung zu 720 000 Euro Geldbuße unter anderem wegen Steuerhinterziehung tut er mit einem Spruch ab: „Das war eine sehr teure, aber fantastische Unternehmensberatung.“

Am Ende des Films planscht Göker in der Türkei in seinem Swimmingpool und ruft nach „Mutti“, die sagen soll, wie spät es ist. Er grillt Schweinswürste, für die er eigens mit der Fähre nach Griechenland übersetzt, wo es einen Lidl-Markt gibt. Die 20 Millionen Euro, die Versicherungen und Privatleute von ihm haben wollen, wird er wohl nicht zurückzahlen. „Soll ich mir das aus den Rippen schneiden?“, fragt Mehmet Göker. Er sei jetzt schließlich nur Angestellter der Firma „Göker-Consulting“. Eigentümerin ist Mutti.

Von Frank Thonicke

120 Gesprächspartner

Klaus Stern war fünf Jahre lang am Thema Mehmet Göker dran

Der Filmemacher Klaus Stern, der vor allem durch seine Dokumentation über die Pläne, in Beberbeck ein riesiges Ferienresort zu errichten („Henners Traum“) bekannt wurde, war rund fünf Jahre lang am Thema Mehmet Göker dran. Es war im Jahr 2006, als ihm ein Freund den Tipp gab: Im Gloria-Kino feierte ein Mann namens Mehmet Göker mit seinen Angestellten nach einem Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft ein Fest. Was da los sei, das müsse man sich mal angucken. Klaus Stern wurde hellhörig. „Mich interessieren einfach Menschen, die Ambitionen haben.

Seien es nun realistische oder unrealistische.“ Er traf sich mit Mehmet Göker, man lernte sich kennen. Welchen dramatischen Lebensweg Klaus Stern nun fünf Jahre lang verfolgen würde, wusste er damals noch nicht. Klaus Stern fand einfach „den Typen Mehmet Göker interessant“. Eine Freundschaft entstand aus den Kontakten nie. „Wenn man mit jemandem befreundet ist, kann man über ihn keine Filme machen“, sagt der vielfach ausgezeichnete Regisseur. Klaus Stern versuchte, Mehmet Göker in all seinen Facetten gerecht zu werden.

"Ich mache ja keine Anklageschrift gegen ihn“, sagt der 42-Jährige. Und so gibt es auch Szenen im Film, die Göker durchaus sympathisch erscheinen lassen. Etwa wenn er die Stätte seiner Kindheit in Kassel-Helleböhn aufsucht und über seine Eltern spricht. Für seinen Film hat Klaus Stern viel recherchiert. Er hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit.“ (tho)

Premiere am Mittwoch ab 19.30 Uhr

Der Film über Mehmet Göker wird am Mittwoch, 19. Oktober, beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig zum ersten Mal gezeigt. Premiere ist um 19.30 Uhr im Leipziger Cinestar. Mehmet Göker, so Klaus Stern, habe telefonisch sein Erscheinen zugesagt. In Kassel wird der Film zum Auftakt des Dokumentarfilmfestes am Dienstag, 8. November, im Gloria-Kino zu sehen sein. Danach wird er regulär im Bali-Kino laufen. Wann er in der ARD ausgestrahlt wird, steht noch nicht fest. (tho)

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