55-Jährige hat zehnjährige berufliche „Odyssee“ hinter sich und jetzt einen unbefristeten Arbeitsvertrag

Mehr als 80 Bewerbungen bis zum neuen Job

Heidi Dahms
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Vor ihrem neuen Arbeitsplatz: Heidi Dahms (55) beginnt im April am Kasseler Amtsgericht.

Es ist fast zehn Jahre her, dass Heidi Dahms ihren Job in der Krankenpflege aufgeben musste. Gesundheitliche Probleme, vor allem mit dem Rücken, machten die Arbeit nach 28 Berufsjahren unmöglich.

Mit Mitte 40 begann für die dreifache Mutter das, was sie rückblickend als Odyssee bezeichnet. Eine Odyssee, die nun ein glückliches Ende gefunden hat: mit einem neuen, sicheren Arbeitsplatz – trotz Corona.

Aufgrund ihrer Rückenprobleme gilt die heute 55-Jährige zu 70 Prozent als schwerbehindert. An körperlich anspruchsvolle Arbeit ist nicht zu denken. Nachdem Dahms ihren Job aufgeben musste, folgte ein Jahr der Berufsorientierung mit mehreren Praktika, etwa in der Pflegeberatung oder der Verwaltung, wo sie schließlich blieb – vorerst. Ein neuer Vorgesetzter wollte sie 2017 wieder in der Pflege einsetzen. Dahms kündigt. „Ab da ging das Spiel wieder von vorne los“, sagt sie seufzend.

Insgesamt schrieb Dahms mehr als 80 Bewerbungen – deutschlandweit, wie sie berichtet. „Ich wäre an die Küste gezogen und hätte eine Wochenendehe geführt, um wieder arbeiten zu können“, erzählt sie. Die Aussichten waren düster, die allermeisten Bewerbungen seien unbeantwortet geblieben. „Ich habe den Eindruck bekommen, dass sich die Arbeitgeber 20-Jährige wünschen, die meine Berufserfahrung mitbringen.“ Das sei frustrierend gewesen, „aber ich habe immer versucht, neue Optionen zu finden. Natürlich gab es auch Tage, an denen man nur heulen will“, sagt sie.

Eine dieser Option war eine Umqualifizierung zum Büromanagement, die ihr von der Agentur für Arbeit vermittelt worden war. Nach neun Monaten zurück auf der Schulbank war die Maßnahme abgeschlossen – dann kam auch in Deutschland die Corona-Pandemie an. Dahms beantragte Arbeitslosengeld II – Hartz 4. Doch der Antrag wurde abgelehnt, weil ihr Ehemann schon eine Erwerbsminderungsrente bezog. „Das war eine sehr belastende Zeit.“

Das Geld war knapp. So knapp, dass der Futterkauf für die beiden Hunde schwierig wurde – dabei waren es gerade die Haustiere, „die mir geholfen haben, aus dem negativen Gedankenkarussell herauszukommen.“ In dieser Zeit habe sie einen anderen Blick bekommen auf soziale Benachteiligung, sagt sie. „Es gibt zwar einige Unterstützungsangebote, aber davon muss man auch erstmal wissen. Hinzu kommt die Scham: Wir wollten niemals jemand anderem zur Last fallen.“

Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres ging dann alles sehr schnell: Dahms wurde eine Stelle im neu geschaffenen Göttinger Impfzentrum angeboten, im Januar begann der Job – mit Befristung. „Das Team war toll, diese Möglichkeit war ein großes Glück.“ Was dann folgte, nennt Dahms dagegen „einen Sechser im Lotto“. Eine Bewerbung vom Mai 2020 brachte die Wende: Ab April arbeitet sie am Amtsgericht Kassel in der Scan-Stelle, wo Akten und Post digital erfasst werden. Der Arbeitsvertrag ist unbefristet und Dahms hofft, endlich wieder in ruhigere berufliche Fahrwasser zu kommen. „Es war hart, aber ich bin immer auf die Füße gefallen und wieder aufgestanden.“ (Gregory Dauber)

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