Software-Schmiede geht neue Wege

Micromata testet 35-Stunden-Woche: Mehr Arbeit in weniger Zeit geschafft

Alle Kundenprojekte von Micromata werden von selbstständig arbeitenden Teams betreut. Das Foto entstand vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in den Büroräumen von Micromata.
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Alle Kundenprojekte von Micromata werden von selbstständig arbeitenden Teams betreut. Das Foto entstand vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in den Büroräumen von Micromata.

Seit Anfang des vergangenen Jahres probiert sich die Kasseler Software-Schmiede Micromata an einem neuen Projekt aus: Die gesamte Belegschaft arbeitet nur noch 35 Stunden pro Woche.

„Wir überlegen schon seit Jahren, mit welchen Modellen wir unseren Arbeitsalltag neu gestalten können“, sagt Geschäftsführer Alexander Podlich, der mit Stéphanie Naujock und Kai Reinhard die Führungsriege bildet. Podlich ist ein Micromata-Urgestein: Der 39-Jährige ist in Kassel aufgewachsen, wo er Informatik studierte. Eigentlich war er schon bei IBM in Stuttgart gelandet, stieg dann für seine Masterarbeit als Werksstudent bei Micromata ein. Das war 2007, Micromata hatte damals etwa 20 Mitarbeiter. Zehn Jahre später wurde Podlich Geschäftsführer, das Unternehmen beschäftigt heute 150 Menschen. Auch als Chef profitiert er von der verkürzten Arbeitszeit.

„Wissenschaftliche Studien zu dem Thema sind sich überwiegend einig: Ausgeruhte Mitarbeiter können mehr und bessere Arbeit leisten“, sagt Podlich. Nach etwas mehr als einem Jahr hat Micromata ein Zwischenfazit des Projektes gezogen und die Mitarbeiter befragt. Ergebnis: 80 Prozent kommen gut oder sehr gut mit der 35-Stunden-Woche klar. „Vom Arbeitsvolumen haben wir eher mehr geschafft, als in den Jahren zuvor. Das lag aber auch an Corona: Viele unserer Projekte haben einen enormen Schub bekommen“, berichtet Podlich.

Micromata-Geschäftsführer Alexander Podlich

Die Logik hinter der Arbeitszeitverkürzung: Die Angestellten arbeiten zwar weniger Stunden, nutzen diese aber effizienter. „Wir arbeiten in vielen Fällen pragmatischer und strukturierter. Absprachen müssen klar sein und Aufgaben müssen stärker priorisiert werden. Dieser Versuch zeigt uns, wo Potenziale liegen gelassen werden“, erklärt Podlich. Mehr Freizeit soll zu mehr Ausgeglichenheit führen und den Angestellten in ihren unterschiedlichen Lebensphasen Flexibilität ermöglichen. „Gerade in der Corona-Zeit gibt die kürzere Woche unseren Kollegen mehr Spielraum, um etwa Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut zu bekommen.“

Die Reduktion auf 35 Stunden funktioniere jedoch nicht für alle, gibt Podlich zu. „Manche arbeiten einfach gerne viel und andere sind in ihren Projekten stark gefordert. Wenn Überstunden gemacht werden, zahlen wir die aus. Eine Einheitslösung für alle gibt es bei uns nicht – weder für unsere Mitarbeiter noch für unsere Kunden.“

 Ich habe die Zeit genutzt, um noch bewusster Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Micromata-Geschäftsführer Alexander Podlich

Weniger zu arbeiten ist auch eine Herausforderung an die Wirtschaftlichkeit. Denn die Gehälter sind gleich geblieben – ebenso wie die Kundenpreise. Doch das vergangene Jahr war ein Sonderfall: Zwar habe es aufgrund weniger Arbeitsstunden auch einen Umsatzrückgang gegeben, der konnte aber durch gesunkene Kosten aufgefangen werden. Eingespart wurde etwa bei Dienstreisen, die wegen der Pandemie ausfielen. „Deswegen lassen wir den Versuch noch weiterlaufen, auch weil wir die persönlichen Situationen unserer Mitarbeiter als auch die Belange unserer Projekte, die weiterhin auf unseren Service für volle 40 Stunden angewiesen sind, noch besser in Einklang bringen müssen. Grundsätzlich kommt den unterschiedlichen Anforderungen an die Arbeitszeiten auch unsere Gleitzeit und Flexibilität sehr entgegen.“

Für sich selbst zieht der Geschäftsführer eine positive Bilanz: „Ich komme damit gut zurecht. Ich habe die Zeit genutzt, um noch bewusster Zeit mit meiner Familie zu verbringen“, sagt der zweifache Vater. „Außerdem tut es gut, manchmal sagen zu können, dass es vollkommen okay ist, gewisse Mails auch erst morgen beantworten zu können.“ (Von Gregory Dauber)

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