Mehr Bettler bitten in der Vorweihnachtszeit um Almosen - Viele aus Osteuropa

Kassel. In der Vorweihnachtszeit sind die meisten Menschen großzügiger als sonst. Das macht sich auch bei den Weihnachtseinkäufen in der Kasseler Innenstadt bemerkbar, wo mehr Bettler als üblich um Almosen bitten. Durch die neue Reisefreiheit kommen mittlerweile verstärkt Menschen aus Osteuropa.

Das sagt der Sozialarbeiter Günther Blau von dem Kasseler Verein Soziale Hilfe. Er geht davon aus, dass diese Gruppe in den kommenden Jahren noch zunehmen wird.

Blau zufolge erhalten 90 Prozent der Bettler in Kassel Transferleistungen. Laut Ordnungsamt hat das Gros der Betroffenen auch eine Wohnung. Von Kasseler Geschäftsleuten seien kaum Beschwerden wegen der Bettler bekannt.

Reportage: Betteln im Weihnachtsgeschäft

Kassel. „Ich habe mich für ein Leben auf der Straße entschieden“, sagt Atchi. Mit seinen drei Hunden sitzt der 30-Jährige am Samstag auf der Königsstraße und verdient seinen Lebensunterhalt. Atchi bettelt.

Seit elf Jahren lebt der Franzose auf der Straße, seit dreieinhalb Jahren hält er sich in Deutschland auf. Auf der Straße hat er auch deutsch gelernt. „Ich lerne relativ schnell.“ Früher war Atchi Friseur. „Ich kam nicht klar mit der Arbeit und der Wohnung. Ich muss raus.“ Der Franzose erhält in Deutschland keine Transferleistungen. „Ich will auch gar keine Hilfe vom Staat. Ich lebe vom Betteln.“ Die Nächte verbringt er in der Notschlafstelle. An einem normalen Tag nehme er zwischen 40 und 50 Euro ein. Jetzt vor Weihnachten mehr. „Die Menschen sind großzügiger.“

Entsprechend mehr Bettler sind in diesen Wochen in Kassel unterwegs. Vier bis sechs Frauen und Männer aus Osteuropa stehen neben jenen, die sich das ganze Jahr über in der Innenstadt aufhalten, schätzt Uwe Schwarz vom Ordnungsamt. „Betteln ist nicht verboten. Nur aggressives Betteln.“ Die Mitarbeiter des Ordnungsamts kennen die Frauen und Männer. Laut Schwarz haben die meisten eine Wohnung. Die Osteuropäer würden in der Regel abends von Fahrzeugen abgeholt.

Auch der 43-jährige Jürgen hat eine Wohnung. In der hält er sich aber ungern auf, weil er schon einmal überfallen worden sei. Vor drei Monaten sei er aus dem Gefängnis in Wehlheiden entlassen worden.

Marcel (25) hat Ende Oktober seine Wohnung verloren. Jemand habe bei den Behörden gepetzt, dass seine Freundin bei ihm wohnt. Seitdem bekomme er kein Hartz IV mehr. „Geldsperre“, sagt Marcel, der mit seinem Hund Juoi auf der Königsstraße hockt. „Das rechnet sich schon“, sagt Marcel, der mal eine Lehre als Schmied angefangen hatte. 50 Euro bekomme er am Tag zusammen. Eigentlich sei das aber gar nicht so viel, weil er für 30 Euro am Tag Kaffee kaufe. „Es ist so kalt.“

Thomas bettelt nicht. Der 50-Jährige, der seit März eine Wohnung hat, steht am Königsplatz und verkauft das Obdachlosen-Magazin „Tagessatz“. „Jeder muss überleben“, sagt er mit Blick auf die Bettler. Manchmal sei es allerdings frustrierend. Die Leute liefen an ihm vorbei, entdeckten ihr schlechtes Gewissen und und steckten dann den Bettlern Scheine zu. An diesem Adventssamstag will sich aber auch Thomas nicht beklagen. Im Weihnachtstrubel hat er gegen 14 Uhr bereits 15 Magazine verkauft. Das sind 15 Euro, die er behalten kann.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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