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Künftig weniger Friedhöfe in Kassel?

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Von: Bastian Ludwig

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Immer mehr Rasenflächen: Weil sich die meisten in einer Urne bestatten lassen und Wald- und Seebestattungen zunehmend genutzt werden, vergrößern sich die Lücken auf den Friedhöfen – wie hier in Wehlheiden.
Immer mehr Rasenflächen: Weil sich die meisten in einer Urne bestatten lassen und Wald- und Seebestattungen zunehmend genutzt werden, vergrößern sich die Lücken auf den Friedhöfen – wie hier in Wehlheiden. © Bastian Ludwig

Die Veränderungen auf den Kasseler Friedhöfen sind immer stärker sichtbar. Wo einst Gräber waren, sind immer mehr Rasenflächen zu sehen. Nun will die Stadt gemeinsam mit der evangelischen Kirche einen Friedhofsentwicklungsplan erarbeiten, um diesen Wandel zu gestalten.

Kassel - Die Friedhöfe sind im Wandel. Nicht erst seit gestern haben sich die Bestattungsformen geändert, was Einfluss auf Gestaltung und Finanzierung der 14 Friedhöfe im Stadtgebiet hat. Durch den Trend zu Urnengräbern und Friedwäldern werden immer weniger Flächen benötigt, der Aufwand für die Pflege aber bleibt. Nun sollen mit einer Reform die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Dabei soll die Bevölkerung einbezogen werden.

Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) und Stadtdekanin Barbara Heinrich machen klar, dass die notwendigen Veränderungen im Friedhofswesen zwar jetzt angestoßen werden sollen, aber erst in einigen Jahrzehnten wirksam werden. Niemand müsse etwa befürchten, dass in den nächsten Jahren alte Grabfelder zu Bauland umgewidmet werden. Zum einen gelten die Ruhezeiten der Gräber von 20 bis 30 Jahren. Anschließend folgt eine zehn Jahre dauernde Pietätsfrist zur Wahrung der Totenruhe. Zudem seien die Friedhöfe wichtige Grünflächen im Stadtgebiet. „Es geht nicht um die Schließung von Friedhöfen, sondern um die Frage, ob wir auf einigen keine Bestattungen mehr anbieten, um diese in 40 bis 50 Jahren anders zu nutzen“, so Nolda.

Die 14 Friedhöfe der Stadt Kassel mit ihren insgesamt etwa 100 000 Gräbern werden von der evangelischen Kirche betrieben. Außen vor sind der jüdische Friedhof in Bettenhausen, der von der jüdischen Gemeinde geführt wird, und der historische Friedhof am Mulang, um den sich die Museumslandschaft Hessen Kassel kümmert.

Auf den städtischen Friedhöfen wurden vergangenes Jahr 1650 Menschen beerdigt. Durch Corona gab es einen leichten Anstieg, der einem langfristigen Trend entgegensteht. Sinkende Sterbezahlen und Alternativen wie Friedwälder und Seebestattungen machen sich bemerkbar. Zudem werden inzwischen 70 Prozent der Toten in der Urne bestattet. Auch dies führt zu weniger Platzbedarf. Weil gleichzeitig der Aufwand für die Bewirtschaftung der Flächen kaum sinkt, mussten zuletzt die Gebühren erhöht werden. „Die Kosten für die Infrastruktur bleiben“, so Nolda. Wobei die Stadt die Grünpflege der immer größer werdenden Freiflächen aus ihren Haushaltsmitteln finanziert.

Mitte 2024 soll ein Friedhofsentwicklungsplan vorliegen. Nolda und Heinrich versprechen eine „ergebnisoffene Diskussion“, bei der die Öffentlichkeit einbezogen werde. 120 000 Euro soll die Planung kosten.

Die Ausgangslage

„Wandlungen hat es auf den Friedhöfen immer gegeben, seit zehn Jahren sind sie aber intensiver“, sagt Stadtbaurat Christof Nolda. Die Sterbezahlen und damit auch die Bestattungen gehen seit Jahren sukzessive zurück. Nur zwischen 2020 und 2021 gab es bedingt durch Corona wieder einen Anstieg von 1496 auf 1657 Bestattungen.

Zwar erwarte die Friedhofsverwaltung in einigen Jahren einen weiteren Anstieg, weil die geburtenstarken Jahrgänge ins Sterbealter kämen, aber dennoch werde dies die Entwicklung auf den Friedhöfen nicht stoppen, erläutert Nolda. Denn die alternativen Bestattungsformen wie Friedwälder und Seebestattungen stünden in Konkurrenz zum Angebot auf den Friedhöfen.

Hinzu komme die Zunahme an Urnengräbern, die aktuell 70 Prozent der Bestattungen ausmachen. Auch dieser Trend sorge für ein geringeres Gebührenaufkommen, bei gleichzeitig hohen Kosten für die Bewirtschaftung. Die Gebühren sind in Kassel unabhängig vom Standort des Friedhofs.

Zudem besteht seit 15 Jahren Wahlfreiheit bei den Friedhöfen – früher spielte der Wohnort innerhalb der Stadt eine Rolle. Auch Nicht-Kasseler können hier bestattet werden.

Historische Grabstätten als Pate weiternutzen: Auch dies bietet die Friedhofsverwaltung an.
Historische Grabstätten als Pate weiternutzen: Auch dies bietet die Friedhofsverwaltung an. © Bastian Ludwig

Um möglichst vielen Wünschen an Bestattungsformen entgegenzukommen, hat sich das Angebot in Kassel stetig erweitert. Schon seit 1986 gibt es auf dem Westfriedhof ein muslimisches Gräberfeld, das nach Mekka ausgerichtet ist. Nachdem inzwischen auch sarglose Bestattungen für Muslime möglich sind, gibt es von Bürgern mit osteuropäischer Herkunft einen Bedarf für Gruftbestattungen. Auch diesem versuche die Friedhofsverwaltung zu entsprechen.

„Die Vielfältigkeit der Begräbniskultur steigt. Diese Trends beschäftigen auch uns“, so Stadtdekanin Barbara Heinrich. So gebe es inzwischen eigene Friedparkflächen auf den Friedhöfen, Rasengräber, Urnen-Gemeinschaftsgräber und die Möglichkeit, sich in historischen Gräbern bestatten zu lassen.

Die Entwicklung

Ziel von Stadt und evangelischen Kirche ist es, die Friedhofsentwicklung so auszurichten, dass die Anlagen weiterhin ansprechend gestaltet bleiben. Dazu zählt etwa, dass große Lücken in den Grabreihen, eine Vereinzelung von Gräbern und ein uneinheitliches Bild vermieden werden soll. Gleichzeitig soll der Betrieb der Friedhöfe finanzierbar bleiben.

„Um steigende Gebühren kommen wir nicht herum, aber wir müssen konkurrenzfähig bleiben“, sagt Nolda mit Blick auf alternative Bestattungsformen.

Zwar steht die Entwicklungsplanung erst am Anfang, aber schon jetzt gibt es einige Ideen, welche Reaktionen auf die veränderte Begräbniskultur möglich wären.

Am Ende könne die Entscheidung stehen, dass bestimmte Grabfelder oder einzelne Stadtteilfriedhöfe nicht länger belegt werden, um diese Flächen in einigen Jahrzehnten – nach Ablauf der Ruhezeiten – neu zu nutzen, sagt Nolda. Und weiter: „Was damit in 30 Jahren geschieht, ob dort beispielsweise ein Park entsteht, das legen wir heute aber noch nicht fest.“

Bei der Umwidmung von ehemaligen Grabflächen sei natürlich ein besonders sensibler Umgang geboten. Anders sei es mit Arealen, die bisher nur als Reserveflächen vorgehalten wurden. Dafür seien schon eher andere Nutzungen denkbar. (Bastian Ludwig)

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