Streitigkeiten unter Geschwistern

Tod von Mehtap Savasci: War es ein Ehrenmord? - Bruder in U-Haft

Mehtap Savasci.

Kassel. Am Freitag wurde die Leiche der Kasselerin Mehtap Savasci (40) in einem Wiesbadener Kleingarten gefunden. Der Bruder der Toten ist dringend tatverdächtig und sitzt bereits in U-Haft. Er hatte Streitigkeiten mit seiner Schwester.

Bislang äußert sich der 50-Jährige aber nicht zum Schicksal seiner Schwester. Handelte es sich um einen Ehrenmord?

Sogenannte Ehrenmorde, also die Tötung von Familienmitgliedern, um die Familienehre wieder herzustellen, hätten nichts mit der islamischen Religion zu tun. Das sagt Ahmed Segheer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Seminar für Arabistik der Uni Göttingen, im Gespräch mit der HNA. Vielmehr hätten diese Taten ihren Ursprung in der Kultur der Türkei und vielen arabischen Ländern.

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Segheer, der in Göttingen unter anderem arabische Kultur lehrt: „Es geht dabei einfach um die Rolle des Mannes und die Rolle der Frau.“ Wenn die Frau gegen vorgegebene, althergebrachte gesellschaftliche Normen verstoße, werde die Ehre von anderen Familienmitgliedern verletzt. Betroffen seien alle männlichen Mitglieder der Familie – also etwa Vater, Bruder und Onkel – aber auch die verheirateten Frauen der Familie.

Dieser Ehrbegriff werde vor allem in traditionsbewussten ländlichen Gebieten hochgehalten, sagt Segheer. „Das alles ist in modernen europäischen Kulturen nur schwer vorstellbar“, so der Wissenschaftler.

Auf der Internetseite www.ehrenmord.de heißt es, dass es bei einem Ehrenmord nicht immer um die Ehre der Familie gehen müsse. So werde etwa auch getötet, um andere Verbrechen wie zum Beispiel Inzest zu vertuschen.

Die Internetseite listet für das Jahr 2014 mehrere Ehrenmorde auf, die in Deutschland begangen wurden und bei denen junge und ältere Frauen sowie ein junger Mann Opfer wurden:

Opfer wurden Leyla (Neuss), Neslihan (Breidenbach bei Marburg), Filiz (Schweinfurt), Ayse (Münster), Ann-Christin (Minden), Patrick (Freiburg), Hilda (Frankfurt) und Filiz (Wuppertal) sowie drei namentlich nicht genannte Kinder.

Wissenschaftliche Studie

Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg hat für die Jahre 1996 bis 2005 eine Studie über Ehrenmorde in Deutschland verfasst. Untersucht wurden 78 Taten, darunter sind auch Grenzfälle wie Blutrache und Partnertötung. Das Ergebnis der Studie: Von 122 Tätern waren 113 männlich (93 Prozent), und neun (sieben Prozent) weiblich.

Die Leiche wurde in Wiesbaden gefunden

Leiche von Mehtap Savasci in Wiesbaden gefunden

Von den 109 Opfern waren 47 männlich (43 Prozent) und 62 (57 Prozent) weiblich. Die Autoren der Studie betonten daher, dass der Anteil der männlichen Opfer damit erheblich größer war, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen und auch auf Fachtagungen diskutiert wird.

Die Studie ergab zudem, dass fast alle Täter (91 Prozent) außerhalb Deutschlands geboren wurden und keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen (92 Prozent). 9 Prozent der Täter wurden in Deutschland geboren, sie waren also Migranten der zweiten Generation.

Die große Mehrheit der Täter war in der Türkei geboren worden (63 Prozent), es folgen arabische Länder (14 Prozent), Albanien und Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Ein einziger Täter war ein ethnischer Deutscher. Es handelte sich um einen Auftragskiller, der von einem Kurden bezahlt worden war.

Von Frank Thonicke

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