Tagung „Opfer - Beute - Hauptgericht“

Umgang mit Tieren: Menschen töten für Konsum

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Lebendes Objekt als Beispiel: Mit Fragen, warum wir in unserer Kultur Hunde wie Akito nicht töten, beschäftigt sich eine Tagung an der Kunsthochschule der Uni Kassel, die Stephanie Milling (links) und Akitos Frauchen, Dr. Yvonne Sophie Thöne, organisieren.

Kassel. Seit Jahrhunderten töten Menschen Tiere. Aber ist das ethisch vertretbar? Darum geht es bei der Tagung „Opfer - Beute - Hauptgericht“ vom 4. bis 6. März in der Kunsthochschule der Universität Kassel.

Über das Thema haben wir mit den Organisatorinnen, der Theologin Dr. Yvonne Sophie Thöne und der Kunstwissenschaftlerin Stephanie Milling, gesprochen.

Frau Thöne, Frau Milling, Sie befassen sich wissenschaftlich mit Tiertötungen. Wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus?

Dr. Yvonne Thöne: Natürlich habe auch ich schon einmal eine Mücke getötet. Aber ich versuche, vegan zu leben. Ich sage deshalb versuchen, weil das zu Hause gut klappt, aber wenn man unterwegs ist, funktioniert das nicht immer.

Stephanie Milling: Bei mir ist es ähnlich. Allerdings esse ich noch Fleisch, wenn auch sehr wenig.

Wann darf man Tiere töten? 

Thöne: Das ist eine ethische Frage. In unserer heutigen Kultur töten wir vor allem zur Nahrungsgewinnung. Aber wir sind nicht darauf angewiesen.

Milling: Für unseren Konsum werden wir immer Tiere töten. Alles andere zu glauben, wäre eine Illusion. Es geht ja nicht nur ums Essen, es gibt so viele Produkte, in denen tierische Bestandteile enthalten sind. Kunst hätte nicht möglich gemacht werden können, ohne tierische Haare an Pinseln oder Bestandteile von Tierkörpern für Farbe.

Aber an der wachsenden Bio-Bewegung sieht man, dass ein größeres Bewusstsein für Tiere besteht. 

Milling: Bei der Bio-Bewegung steht im Mittelpunkt: Hatte das Tier ein gutes Leben? Aber darauf allein kommt es nicht an. Genauso wichtig ist die Frage: Hatte das Tier einen guten Tod?

Thöne: Wir haben eine große Distanz zu Nutztieren. Sie werden als abstrakte Objekte wahrgenommen, die uns als Wurst im Supermarkt-Regal begegnen. Das Töten von Tieren ist auch eine kulturelle Frage. Bei uns gibt es zum Beispiel das Tabu, Hunde zu töten und zu verzehren. Dafür essen wir Rinder, was in Indien undenkbar wäre, dort sind Kühe, also weibliche Rinder, heilig.

Würden wir bewusster mit dem Thema umgehen, wenn jeder von uns Tiere töten müsste, um sie zu essen? 

Thöne: Vermutlich schon. Viele Jäger gehen wohl sehr viel bewusster mit Fleisch um als viele andere, die Fleisch nur aus dem Supermarkt kennen. Aus kulturanthropologischer Sicht ist dennoch ein Unbehagen bei Tiertötungen auszumachen, was sich in unterschiedlichsten Ritualen niedergeschlagen hat. Zum Beispiel setzen Jäger den Hut ab und legen einen Tannenzweig über das Einschussloch. Das sind lang gelebte Traditionen.

Milling: Jäger töten einzelne Tiere, das ist kein Massentod. Daraus kann sich auch eine legitime ethische Begründung herleiten: Ich esse nur, was ich auch selbst getötet habe.

Was sagt die Bibel dazu? 

Thöne: In der ersten Schöpfungserzählung im Buch Genesis wird zum Beispiel das „gewaltfreie Lebenshaus“ beschrieben. Danach weist Gott Menschen wie Tieren pflanzliche Nahrung zu. Kein Lebewesen soll andere töten. Anders wird es nach der Sintflut, Fleischkonsum wird freigegeben, aber es heißt auch: „Furcht und Schrecken geht vor Euch her.“ Darüber hinaus ist die Schlachtung lange Zeit an den Kult gebunden - wenn Tiere schon getötet werden, soll man sie vor Gott bringen.

Und die Kunst? 

Milling: Die Tiertötung ist ein wiederkehrendes Motiv in der Geschichte der Kunst, von der Jagdszene bis zum Schlachtengemälde.

Thöne: Schon in der altorientalischen Kunst gibt es relativ brutale Darstellungen über die königliche Löwenjagd. Damit haben Herrscher ihre Überlegenheit demonstriert.

Gibt es eine Lust am Töten? 

Thöne: Das ist auch eine Erkenntnis, die ich mir von der Tagung erhoffe. In unserer Beziehung zu Tieren drückt sich eine Ideologie von Kontrolle und Herrschaft über Naturwesen aus.

Milling: Bei der Tagung kommen so viele Disziplinen zusammen, das wird in jedem Fall erhellend. Ich wünsche mir, dass sich in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen imaginäre Tiere und reale Tiere begegnen.

Müssen wir ein schlechtes Gewissen für den Tod von Tieren haben? 

Milling: Dann werden wir nicht mehr fertig. Wir sollten wach und uns bewusst sein über unser Handeln und das, was damit zusammenhängt.

Thöne: Ich möchte niemanden missionieren, auch wenn ich mir wünsche, dass es mehr Vegetarier geben würde. Aber wenn sich das schlechte Gewissen meldet, dann sollte man auch die Konsequenzen ziehen.

Hintergrund 

Beziehung zwischen Tier und Mensch

Seit Anfang 2014 erforscht die Uni Kassel das Thema „Tier - Mensch - Gesellschaft“. Das interdisziplinäre Projekt wird für drei Jahre mit 3,6 Mio. Euro über das Exzellenzprogramm Loewe des Landes Hessen gefördert. Es gibt 16 Teilprojekte zu dem Schwerpunkt. Im Dialog von Natur- und Kulturwissenschaften wird nach der Geschichte und den Bedingungen von Beziehungen zwischen Tieren und Menschen gefragt.

Zu den Personen 

Dr. Yvonne Sophie Thöne (35) ist nach Lehramtsstudium und Referendariat zurück an die Uni Kassel gegangen. Ihre Doktorarbeit hat sie über das Thema Raum und Geschlecht im Hohelied geschrieben. Aktuell forscht sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Biblische Theologie/Altes Testament zu den Themen Tierethik und Tierordnungen in der Thora. Thöne ist verheiratet und lebt in Immenhausen.

Stephanie Milling (32) stammt aus München und ist im Januar 2014 für die Tätigkeit im Loewe-Schwerpunkt „Tier - Mensch - Gesellschaft“ an die Uni Kassel gekommen. Sie hat Kunstgeschichte in Karlsruhe, München und Montreal (Kanada) studiert. In ihrer Masterarbeit hat sie sich mit dem Thema Bio-Art und Kunst beschäftigt.

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