Absatz-Einbruch wegen Corona

Mercedes-Werk in Kassel baut Stellen ab

Das Mercedes-Benz Achsenwerk in Kassel
 
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Das Mercedes-Benz Achsenwerk in Kassel muss Kosten sparen und Arbeitsplätze streichen. Archiv

Das Kasseler Mercedes-Benz Achsenwerk muss angesichts der Corona-Pandemie Stellen abbauen. Zur konkreten Zahl machte das Unternehmen keine Angaben. 

Kassel - Der Stuttgarter Autokonzern Daimler ist infolge der Corona-Pandemie im zweiten Quartal in tiefrote Zahlen gerutscht. Auch das Kasseler Mercedes-Benz Achsenwerk mit seinen 2900 Beschäftigten hat mit einem schwachen Absatz im Lkw- sowie im Pkw- und Transporter-Geschäft zu kämpfen. Die Folge: ein Stellenabbau in noch unbekannter Höhe.

Wie im gesamten Konzern müssten auch am hiesigen Standort die bereits im Herbst vergangenen Jahres angekündigten und mit dem Betriebsrat vereinbarten Effizienzmaßnahmen zur Kostensenkung und zur sozialverträglichen Reduzierung von Arbeitsplätzen konsequent umgesetzt werden, sagte ein Unternehmenssprecher. „Neben Maßnahmen wie Frühpensionierung und Altersteilzeit spielen auch Aufhebungsverträge eine wichtige Rolle.“ Das betreffe Beschäftigte der Verwaltungs- und produktionsnahen Bereiche. Ihnen werde ein individuelles Angebot für eine Ausscheidungsvereinbarung unterbreitet. „Für dieses Angebot gilt die doppelte Freiwilligkeit. Das heißt sowohl Mitarbeiter als auch Vorgesetzter müssen zustimmen.“ In der Produktion sei derzeit kein Abbau geplant.

Im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ hatte der Personalvorstand des Daimler-Konzerns, Wilfried Porth, kürzlich auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen – trotz einer bislang noch bis 2029 festgeschriebenen Beschäftigungssicherung. Um sie zu vermeiden, müssten bei Daimler mehr als 15 000 Menschen auf freiwilliger Basis ausscheiden, sagte er. Für den Kasseler Standort bleibe das Ziel, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, betonte der Unternehmenssprecher. „Dies wird aber nur möglich sein, wenn wir gemeinsam mit dem Betriebsrat alternative Sparmöglichkeiten finden und umsetzen können.“ Die Betriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung beschreibe den Weg, den die Sozialpartner miteinander gehen, um das gemeinsame Ziel der Beschäftigungssicherung zu erreichen. „In der Vereinbarung steht aber auch, dass sich die Parteien erneut zusammensetzen müssen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern“, so der Sprecher.

Werkleiter Frank Lehmann erläuterte, dass wichtige Lkw-Absatzmärkte in den vergangenen Monaten eine sehr schwache Entwicklung verzeichnet hätten. „Auch das für Kassel ebenfalls wichtige Pkw- und Transporter-Geschäft war im ersten Halbjahr rückläufig, wobei einzelne Bereiche inzwischen wieder voll ausgelastet sind.“ In Summe habe das Produktionsniveau im Kasseler Werk unter dem Vorjahresniveau gelegen.

Die Produktion am Standort war wegen der Corona-Pandemie Ende März für knapp vier Wochen eingestellt und einen Großteil der Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt worden. Seit dem 20. April wird schrittweise wieder gearbeitet. Die Kurzarbeit sei inzwischen beendet, so der Sprecher.

Erfreulicherweise entwickle sich der Lkw-Auftragseingang jetzt in fast allen Kernregionen positiv, sagte Lehmann. „Wir haben Aufträge, wenn auch deutlich unter dem Niveau vor der Krise.“ Er geht davon aus, dass auch die kommenden Monate stark von der Coronakrise geprägt sein werden. „Für uns bedeutet diese Situation, dass wir zunächst auf Sicht fahren und sehr genau prüfen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um unsere Produktion weiter zu erhöhen.“

Neben der Corona-Pandemie und dem Nachfragerückgang stehe Daimler Trucks derzeit vor weiteren Herausforderungen: „Zum einen müssen wir unsere Organisation weiter konsequent verschlanken, um effizienter zu werden. Zum anderen gilt es, die Transformation der Branche zu gestalten, das heißt den Übergang von den heutigen Antriebsarten hin zu neuen Technologien“, so Lehmann.

„Im Moment herrscht große Unruhe im Unternehmen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Kasseler Werks, Jörg Lorz. Die Verunsicherung innerhalb der Belegschaft sei groß und werde immer wieder angeheizt durch neue Spekulationen.

Lorz bezieht sich dabei nicht auf die Vorgänge hinsichtlich des aktuell geplanten Abbaus in Kassel über Frühpensionierung, Altersteilzeit und Aufhebungsverträge. Der sei Ende vergangenen Jahres mit dem Betriebsrat vereinbart und an die Mitarbeiter kommuniziert worden. Die Corona-Pandemie habe die Umsetzung dann verzögert. „Sehr wichtig war für uns dabei die doppelte Freiwilligkeit“, betont Lorz. Das bedeutet: Die Mitarbeiter bekommen ein Angebot für einen Aufhebungsvertrag. Dem müssen dann sowohl Mitarbeiter als auch Vorgesetzter zustimmen.

Der Betriebsratsvorsitzende kritisiert vielmehr den Konzernvorstand. Der kommuniziere ausschließlich über die Presse, statt die Belegschaft endlich zu informieren, wie sich die aktuelle Situation des Unternehmens darstellt. Einige Tage nach dem Interview mit Personalvorstand Porth berichtete das „Manager Magazin“ mit Verweis auf Unternehmensquellen, weltweit könnten inklusive nicht neu besetzter Stellen 30 000 Jobs wegfallen. Allein bei der Nutzfahrzeugtochter Daimler Truck AG, zu der seit November 2019 auch das Kasseler Achsenwerk gehört, sollen dem Bericht zufolge fast 17 000 Mitarbeiter außerhalb der Produktion Abfindungs- und Altersteilzeitangebote erhalten.

„Dass der Vorstand die Zukunftssicherung 2030 inklusive der Transformationszusage infrage stellt, ist sehr einschneidend, auch für die Produktion, die das ebenso betrifft“, sagt Lorz. Die Transformationszusage besagt, dass jedem Mitarbeiter eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit angeboten werden muss, sollten Funktionen im Zuge des Umstiegs in neue Technologien, allen voran die die E-Mobilität, wegfallen.

„Beschäftigungssicherung und Transformationszusage stehen für uns nicht zur Debatte. Auch Werkschließungen sind absolut tabu“, betont Lorz. Wie in der Betriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung für den Fall einer wirtschaftlichen Schieflage vereinbart, führten die Arbeitnehmer-Vertreter derzeit neue Verhandlungen mit der Konzernspitze. „Wir hoffen nach mehreren Runden an diesem Wochenende auf Ergebnisse.“ Der Gesamtbetriebsrat erwarte vom Vorstand, sich endlich zu positionieren. „Die Belegschaften aller zwölf in Deutschland betroffenen Standorte brauchen Klarheit. Lorz fordert für den Kasseler Standort ebenso wie für den gesamten Konzern eine klare Zukunftsstrategie. „Die ist überhaupt nicht vorhanden“, kritisiert er. Sollte es bis zum Ende dieser Woche keine Einigung geben, würden ab kommender Woche Informationsveranstaltungen beziehungsweise Betriebsversammlungen an allen Standorten geplant und durchgeführt, kündigte Lorz an.

Von Nicole Schippers

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