Er selbst bekommt jede Menge Hass-Mails

Experte über Hate Speech: "Schweigende Mehrheit muss sich stärker gegen Rechts einmischen"

Meron Mendel bekommt fast täglich Hass-Nachrichten. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank wehrt sich gegen Hate Speech und Cybermobbing. Im Fall Lübcke vermisste er Stimmen gegen die Pöbler.

Mit Hass im Internet kennt sich Meron Mendel aus. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt und Kassel wird fast jeden Tag per Mail beschimpft. Unter anderem wurde der 43-Jährige von der ehemaligen CDU-Politikerin Erika Steinbach hart attackiert. Wir sprachen mit Mendel über Cybermobbing und Hate Speech.

Herr Mendel, Sie haben einen Schrank voll mit Hass-Briefen und Hass-Mails. Was machen Sie mit den Beschimpfungen?

Ich lese sie, weil ich das nicht auf die leichte Schulter nehmen will. Aus Worten können leicht Taten werden. Aber nur in den seltensten Fällen lassen sich die Inhalte strafrechtlich verfolgen. Ein Großteil der Nachrichten wird anonym verschickt.

Haben Sie heute schon Hassbotschaften bekommen?

Heute habe ich meine E-Mails noch nicht gecheckt. Aber es kommen jede Woche mehrere Nachrichten, und sie kommen in Wellen. Meistens gibt es einen Anlass. Nach jedem Interview rechne ich damit, dass es bald wieder richtig losgeht. Ich nehme das sehr ernst.

Geht es immer um Ihre jüdische Identität?

Sehr viele nehmen auf meine israelische Herkunft Bezug. Oft wird mir vorgeworfen, dass ich von Steuergeld leben würde. Dann heißt es gern, dass wir Juden doch gar keine Steuern zahlen würden. Und mir wird empfohlen, wieder nach Israel zurückzugehen. Einige unterzeichnen die Briefe auch mit ihrem Namen und tragen bisweilen Doktortitel. Das sind also nicht die Leute, die man sich üblicherweise unter Rechtsextremisten vorstellt, sondern ganz bürgerliche Existenzen.

Wie groß ist Ihre Angst?

Ein Stück weit habe ich mich an den Hass gewöhnt. Mit der Zeit härtet man etwas ab. Aber wenn zum Beispiel die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach meine Privatadresse an ihre 85 000-Twitter-Follower schickt, hört der Spaß auf. Als das passierte, lief es mir kalt den Rücken runter. Dabei geht es aber nicht um mich, sondern um die Gefahr für meine kleinen Kinder. Viele Nächte habe ich nicht gut geschlafen.

Ist der Hass schlimmer geworden?

Ja, in den vergangenen drei Jahren hat das massiv zugenommen. Das liegt zum einen an den neuen Medien, die viel Raum dafür bieten. Anonym und ohne viel Mühe kann man seine schlechten Fantasien an der Tastatur loswerden. Das schaukelt sich schnell hoch. Eine gewaltvolle Sprache ruft eine noch gewaltvollere Sprache hervor. Zum anderen gibt es weltweit einen Rechtsruck. Er hat Hate Speech als Problem immer größer werden lassen.

Dafür ist also die AfD mitverantwortlich?

Auf jeden Fall. Wir erleben gerade einen fließenden Übergang vom bürgerlich-konservativen Spektrum über den Rechtspopulismus bis zum Rechtsextremismus. Eine wichtige negative Rolle spielen hier Personen wie Erika Steinbach, die der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung angehört. Bis vor ein paar Jahren galt sie noch als durchaus salonfähiger Teil des konservativen Mainstreams. Ihr Geschäftsmodell besteht jedoch darin, die Rechtsextremen anzufeuern und zu bestärken.

Macht das Netz aus uns schlechtere Menschen?

Nein, jedes Medium hat positive und negative Effekte. In meiner Kindheit haben zum Beispiel alle über das Fernsehen geschimpft. Es gab Studien, die behaupteten, das Fernsehen mache die Leute dümmer. Heute wissen wir, dass es darauf ankommt, wie viel wir schauen. Ähnlich ist es mit dem Internet. Ich spreche zum Beispiel mit meinen Kindern darüber, welche Möglichkeiten das Netz bietet, aber auch welche Gefahren. Insofern halte ich es für verantwortungslos, dass sich der Grünen-Chef Robert Habeck aus Facebook und Twitter zurückgezogen hat. Es ist die Pflicht von Politikern, zu zeigen, wie man gegen Hate Speech kämpft. Sonst hat man gegen Leute wie Steinbach verloren.

Ist Cybermobbing auch deswegen verbreitet, weil die Täter ihre Opfer anders als auf dem Schulhof oder im Büro nicht sehen und so die Empathie fehlt?

Das weiß ich nicht. Die Hemmschwelle, jemanden im Netz anzugreifen, ist sicher niedriger. Das sehen wir auch in unserer Beratungsstelle für Opfer rechter und rassistischer Gewalt. Cyber- und reales Mobbing gehen aber meist Hand in Hand. Das kann man oft nicht voneinander trennen. Wir hatten einen Fall, wo Nacktbilder einer 13-jährigen in der WhatsApp-Gruppe der Klasse verbreitet wurden. Natürlich wurde sie auch in der Klasse selbst gehänselt. Es ist einfach eine weitere Dimension. Auch der Fall Walter Lübcke zeigt, dass Online- und Offline-Welt nicht komplett voneinander getrennt werden können. Die Gewalttaten an der Tastatur werden real umgesetzt, ehe man sich wieder an den Computer setzt.

Wie kann man sich vor Cybermobbing schützen?

Zum einen muss man präventiv arbeiten und Kinder frühzeitig zu einem kritischen Umgang erziehen. Zum anderen ist Solidarität im Netz sehr wichtig. Gerät man in einen Shitstorm, können einen solidarische Kommentare stärken. Love statt Hate Speech. Zudem müssen die Firmen, die die sozialen Netzwerke zur Verfügung stellen, mehr Verantwortung übernehmen. Die arbeiten sehr unterschiedlich. Als Erika Steinbach meine Adresse bei Twitter und Facebook postete, habe ich mich an beide Unternehmen gewendet. Bei Twitter war die Nachricht nach 30 Minuten gelöscht. Facebook hat den Post dagegen stehen gelassen. Gelöscht wurde er erst, nachdem der HR zwei Monate später nachhakte – und zwar von Frau Steinbach selbst. Und schließlich müssen diejenigen, die Hass im Netz verbreiten, strafrechtlich verfolgt werden.

Manchmal denkt man, das Netz würde fast nur aus Hass und Menschenverachtung bestehen. Woran liegt das?

Das ist ein Phänomen. Obwohl die Rechtsextremen eine Minderheit sind, denkt man, sie seien die Mehrheit. Das liegt daran, dass sie so gut organisiert und so laut sind. Deswegen ist es wichtig: Die schweigende Mehrheit muss sich stärker einmischen. Vielleicht wäre Walter Lübcke nicht ermordet worden, wenn viele Menschen eine Gegenstimme erhoben hätten gegenüber den Pöblern, die 2015 auf der Versammlung zu den Flüchtlingsunterkünften Stimmung gemacht haben.

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