Mann von 18-Jährigem verletzt

Prozessauftakt: Messerattacke als Rache für Nötigung ?

Kassel. Für das, was der Angeklagte getan haben soll, hätte er beinahe mit seinem Leben bezahlt. Vor zwei Jahren war er in seiner Kasseler Wohnung von einem damals 18-Jährigen niedergestochen worden – angeblich aus Rache dafür, dass er den kleinen Bruder des Messerstechers vergewaltigt habe.

Doch der 50-Jährige überlebte den Angriff. Und muss sich jetzt, da sein Widersacher längst wegen versuchten Totschlags hinter Gittern sitzt, dem Vorwurf der sexuellen Nötigung auch vor Gericht stellen. Am Donnerstag begann der Prozess vor dem Landgericht. Neben einvernehmlichem Sex soll er den damals 15-Jährigen dreimal auch mit Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen haben, heißt es in der Anklage. Davon einmal, so trägt Staatsanwältin Pia Röde vor, „mittels rosaroter Erotikspielzeughandschellen“.

Der 50-Jährige aber ist sich keiner Schuld bewusst: „Erstens mal“, beginnt er seine Aussage, „hab’ ich überhaupt keine Handschellen.“ Und auch sonst habe er den Jungen zu nichts genötigt: „Ich habe mit ihm geschlafen, das ist richtig. Aber ich habe ihn nicht vergewaltigt.“

Mit sanfter Stimme spricht der 50-Jährige, bekennt sich freimütig zu seinem Schwulsein ebenso wie zu der sexuellen Beziehung zu seinem zehn Jahre jüngeren Stiefsohn, die ihm bereits in den 1980er-Jahren eine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs eingebracht hat: „Ich hatte mich regelrecht verliebt.“ Pädophil aber, beteuert er, sei er nicht.

Einen „Ausrutscher“ nennt er, was er mit dem 15-Jährigen getan hat. Doch was ist wirklich geschehen? Mühsam versucht das Gericht, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Herauszufinden, ob das, was der Junge nicht nur seinem Bruder, sondern auch Polizei und Therapeuten erzählt hat, stimmt – oder nicht.

Der mittlerweile 18-Jährige ist dabei alles andere als eine Hilfe. „Ich weiß davon gar nichts mehr“, erklärt er sofort. „Ich will davon auch gar nichts mehr wissen.“ Und je mehr Fragen er beantworten soll, desto weniger will er sagen.

In der Wohnung des Angeklagten waren damals etliche Jugendliche ein und aus gegangen. Jungen, die mit Schule, Leben und Eltern nicht zurechtkamen. Die tranken und kifften. Die schon in jungen Jahren Straftaten sammelten. Sie bekamen bei dem 50-Jährigen zu essen und zu trinken, manchmal auch etwas Geld oder einen Schlafplatz.

Und der Mann verzieh ihnen alles: Sogar dem, der ihn fast erstochen hätte, gab er während dessen Gerichtsverhandlung noch einmal Obdach. Und wusch ihm die Wäsche. Sexuelle Gegenleistungen für all das will jedoch keiner der Jugendlichen erbracht haben. Alles ganz normal, verkündet einer wie der andere – und will so schnell wie möglich wieder weg aus dem Gerichtssaal. Der Prozess wird fortgesetzt. (jft)

Rubriklistenbild: © dpa

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