Totschlag-Vorwurf ist nicht haltbar

Messerstecher vor Gericht: Anklage fordert drei Jahre Haft für 21-Jährigen

Kassel. Vom Vorwurf des versuchten Totschlags gegen einen 21-jährigen Algerier blieb kurz vor Ende des Prozesses vor dem Landgericht nichts mehr übrig.

Weil er zwei Männer mit Messerstichen verletzt hat, forderte Staatsanwältin Dr. Susanne Sprafke eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung.

Streit in der Jägerstraße

Das Geschehen am 6. September in der Jägerstraße stellte sich während des Prozesses doch als etwas anders dar als angeklagt. Beim Streit zwischen dem Beschuldigten und zwei Männern ging es wohl weniger um einen defekten Kopfhörer, als um eine Auseinandersetzung im Drogenmilieu.

Der bei dem Streit verletzte Mann ist laut Verteidiger Christoph Röcher selbst wegen Drogenhandels vorbestraft und stand unter Bewährung. Deshalb habe er wohl auch nicht die Polizei gerufen, sondern sei selbst mit seinem gleichfalls verletzten Begleiter ins Krankenhaus gefahren. Erst die behandelnde Ärztin habe die Stichverletzungen pflichtgemäß der Polizei gemeldet.

Nach der Auseinandersetzung, so Staatsanwältin Sprafke in ihrem Plädoyer, sei der Angeklagte davongelaufen und sei von dem da bereits verletzten Zeugen verfolgt worden. Als der Mann stürzte habe der Angeklagte darauf verzichtet, noch einmal mit dem Messer zuzustoßen, das er da noch in der Hand hielt. Sprafke hielt daher den Vorwurf des versuchten Totschlags nicht aufrecht.

Vorfall auf Martinsplatz

Bei dem anderen Vorfall am 31. Oktober 2014 auf dem Martinsplatz plädierte sie selbst auf Freispruch. Auch dort hatte der Angeklagte zwei Männer nach einem Streit mit dem Messer verletzt. Allerdings hatten die ihn auch mit einem Totschläger attackiert, nachdem er einen Stuhl ins Fenster einer Kneipe geworfen hatte.

Hier sah die Staatsanwältin den Notwehr-Tatbestand erfüllt, lediglich die Sachbeschädigung blieb übrig. Ins Strafmaß wurden von ihr auch ein Ladendiebstahl in Homberg, einige Schwarzfahrten und Drogenbesitz einbezogen. Vor der Haft, so Sprafke, müsse der Angeklagte allerdings in einer psychiatrischen Klinik therapiert werden. Gutachter Dr. Georg Stolpmann hatte dem jungen Mann eine Persönlichkeitsstörung attestiert, die ihn aggressiv und impulsiv handeln lasse. Der Angeklagte war vermutlich 2011 übers Mittelmeer nach Lampedusa gekommen, später von Italien abgeschoben worden und war dann über Frankreich nach Deutschland gereist.

Verteidiger Röcher hatte für seinen Mandanten einen vierwöchigen Jugendarrest beantragt, der durch die bisher zehn Monate andauernde Untersuchungshaft bereits abgegolten sei. Bei den Auseinandersetzungen habe sein Mandant in Notwehr gehandelt, die Zeugenaussagen seien widersprüchlich und teilweise unglaubwürdig gewesen.

Röcher bescheinigte seinem Mandanten eine erhebliche Reifeverzögerung, weshalb er nach Jugendstrafrecht zu verurteilen sei.

Die Kammer mit Richter Volker Mütze an der Spitze will ihr Urteil am heutigen Mittwoch ab 14 Uhr verkünden.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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