Pflegedienstpersonal und Betreuer sind oft ratlos -

Messies sind sozial isoliert - Armut verstärkt Verwahrlosung

Gefahr im Verzug: Wenn von verschimmelten Lebensmitteln und Müll eine allgemeine Gesundheitsgefährdung ausgeht, wie in dieser Wohnung in Kassel, dann muss das Ordnungsamt eingreifen. Foto: privat/nh

Kassel. „Vermüllung erleben wir oft bei Menschen, deren gesamtes soziales Netzwerk zusammengebrochen ist“, sagt Michael Oberthür, Leiter des ambulanten Pflegedienstes der Diakoniestation Mitte.

Viele Messies seien sozial isoliert und könnten ihren Alltag nur unzureichend bewältigen. Sie nähmen keine Arzttermine wahr und vernachlässigten sich im hohen Maße selbst. Im Vermüllungssyndrom äußert sich in vielen Fällen das Krankheitsbild einer Entlastung von seelischen Problemen und gleichzeitig eine Angst vor dem Loslassen, sagt Dr. Markus Schimmelpfennig vom Gesundheitsamt.

Dr.  Markus Schimmelpfennig

Ihre vermüllten Wohnungen sind für Messies Schutzwälle. Deshalb sei es so schwierig für Pflegepersonal und Betreuer gegenzusteuern: Die Betroffenen sind oft wenig einsichtig, und die Entmüllung ihrer Wohnung ist rechtlich nur möglich, wenn eine gesundheitliche Gefahr von ihr ausgeht.

„Das Problem Messies ist ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Keiner fühlt sich verantwortlich.“

Michael Oberthür, Pflegedienstleiter

„Es ist äußerst schwierig, für diese Menschen wieder soziale Netzwerke aufzubauen“, sagt Oberthür. Es sei zudem eine Arbeit, die keiner vergütet. „Das Problem Messies ist ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Keiner fühlt sich verantwortlich.“ Seine Erfahrung sei, dass Klienten mit Messie-Syndrom für das Pflegepersonal oft eine starke psychische Belastung darstellen.

Das wurde auch während eines Fachgesprächs für Beratungsstellen, Betreuer und Pflegedienste deutlich, zu dem jetzt die Pflegestützpunkte von Stadt und Kreis sowie das Gesundheitsamt Region Kassel eingeladen hatten. 150 Gäste waren gekommen. Viele brachten ihre Hilf- und Ratlosigkeit zum Ausdruck. Das Messie-Syndrom kann man laut Schimmelpfennig in allen Altersgruppen und quer durch sämtliche soziale Schichten feststellen. Oberthür aber sagt: „Armut verstärkt die Tendenz zur Verwahrlosung und Vermüllung stark.“

Nach seinen Erfahrungen tritt das Problem häufiger bei Menschen auf, die wenig Geld zur Verfügung haben. Seine Mitarbeiter treffen sie am ehesten in der Nordstadt, im Wesertor und in Rothenditmold an. Müssen die Wohnungen von mittellosen Menschen entmüllt werden, kommt das Sozialamt für die Kosten auf. Ansonsten zahlt der Verursacher selbst. „Wir haben vor drei Jahren ein ganzes Haus räumen müssen“, sagt Lothar Pflüger vom Ordnungsamt. Kosten: 15.000 Euro. Archivfotos: nh

Von Christina Hein

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