"Viele Schauspielerinnen lassen sich alles gefallen"

Schauspielerin Wackernagel zur #MeToo-Debatte: "Männer kommen nicht mehr ungeschoren davon"

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"Auch Frauen sind anfällig dafür, ihre Macht zu missbrauchen": Die Kasseler Schauspielerin Sabine Wackernagel.

Der Fall Dieter Wedel hat die #MeToo-Debatte nach Deutschland gebracht. Schauspielerin Sabine Wackernagel erzählt von ihren Erfahrungen mit Sexismus und fragt: Warum reden wir nicht über andere Berufe?

Sie kommen gerade aus Berlin. Auf der Berlinale dort war auch die Aktion "Nobody's Doll" der Schauspielerin Anna Brüggemann ein Thema. Frauen sollen unter anderem keine High Heels mehr anziehen müssen, um als schön zu gelten. Erreicht die #MeToo-Debatte nun die Mode?

Sabine Wackernagel: Einerseits finde ich es gut, dass viele Frauen den Aufruf unterschrieben haben. Frauen sollten sich so anziehen können, wie sie es wollen. Andererseits gehört es zu unserer Arbeitswelt, dass wir uns verkaufen müssen - nicht nur in Film und Theater, sondern überall in der freien Wirtschaft. Wer zu einem Casting oder einer Preisverleihung geht, muss sich dort gut präsentieren. Da geht man nicht ungeschminkt im Pullover hin. Das gilt längst auch für Männer. Aber bei #MeToo geht es nicht nur ums Anziehen.

Das stimmt, im Kern geht es immer um Machtmissbrauch. Wo haben Sie solche Situationen in Ihrer Karriere erlebt?

Wackernagel: Ich bin nie vergewaltigt worden, falls Sie das meinen. Ich kenne auch keinen Fall sexueller Ausbeutung in meinem Umfeld. Als Ensemble-Mitglied unter Intendant Manfred Beilharz in Freiburg und später am Kasseler Staatstheater war auch nicht alles Friede Freude Eierkuchen. Da wurde wahrscheinlich mehr gestritten, als es heute üblich ist, aber wir haben immer auf Augenhöhe miteinander gearbeitet. Als ich jedoch ab Mitte der 90er-Jahre frei arbeitete, habe ich immer öfter mitbekommen, wie jemand zur Sau gemacht wurde. Als freie Schauspielerin bewegt man sich in der freien Wildbahn. Viele lassen sich fast alles gefallen, weil sie froh sind, einen Job zu haben.

Mit Dieter Wedel haben Sie nie zusammengearbeitet?

Wackernagel: Nein, aber ich höre ständig Geschichten wie die der Frauen, die unter Typen wie ihm leiden mussten. Und es betrifft beim Fernsehen nicht nur Schauspielerinnen. Noch mehr zu leiden haben manchmal Ankleiderinnen und Maskenbildnerinnen. Es gibt etliche Regisseure, die bedenkenlos freche Sprüche über sie machen. Und sie sind nun mal leichter zu ersetzen als eine Hauptdarstellerin.

Die Schauspielerin Heike Makatsch hat gerade gesagt, dass große Kunst nur dann entsteht, wenn Grenzen überschritten werden. Muss man Schauspielerinnen anschreien, um das Beste aus ihnen herauszuholen?

Wackernagel: Nein, das muss man natürlich nicht. Aber wir lernen schon auf der Schauspielschule, dass wir auf der Bühne Grenzen überschreiten müssen. Wenn es unter die Gürtellinie ging, habe ich mich gewehrt. Ausnahmeregisseure wie Fritz Kortner waren bekannt dafür, alles kurz und klein zu schlagen. Es hat aber keinen Sinn, auf Darsteller draufzuhauen. Der französische Regisseur Jean Renoir hat einmal gesagt, man müsse Schauspieler loben wie Kinder. Genialität erfordert nicht, dass man sich verhält wie ein Berserker.

Wir reden immer nur über Männer, die so sind wie Wedel.

Wackernagel: Weil es bei weitem nicht so viele Regisseurinnen gibt. Aber auch Frauen sind anfällig dafür, Macht zu missbrauchen. Sticheleien, gegen die man sich nicht wehren kann, können sie ebenfalls sehr gut. Etwa dieses Augenrollen, wenn man auf der Bühne gerade einen Zusammenbruch gespielt und geschrieen hat. Manche sagen dann: "Das ist hübsch, aber das reicht nicht.". Diese Art von Mobbing gibt es in allen Berufen.

Gab es Regisseure, über deren Witze man gelacht hat, weil man sonst selbst nichts zu lachen gehabt hätte?

Wackernagel: Als ich jung war, habe ich bei einem Regisseur nicht über seine Witze gelacht. Der ist zum Intendanten und hat gefordert, meine Rolle müsse umbesetzt werden. Ich durfte trotzdem bleiben.

Unterscheidet sich die Theater- diesbezüglich von der Fernsehwelt, in der Ihre Tochter Katharina Wackernagel große Erfolge feiert?

Wackernagel: Ja, beim Fernsehen sind die Geschäftsbeziehungen härter. Viele Schauspieler hangeln sich von einer Produktion zur nächsten. Manchmal hat man nur zehn Drehtage. Da haut man nicht mal eben mit der Faust auf den Tisch.

Wird sich das Problem irgendwann erledigt haben, weil die alten Männer wie Harvey Weinstein aussterben?

Wackernagel: Nein, auch schnöselige junge Leute machen Kunst. Ein Techniker am Kasseler Staatstheater hat mir erzählt, wie ekelhaft und brutal ein junger Regisseur mit ihm umgegangen ist. Aber die Leute lernen aus der Debatte, und immer mehr Menschen melden sich zu Wort. Das ist gut.

Zugleich sagen manche, #MeToo gleiche einer Hexenjagd. Die Debatte habe zu einem neuen Klima der Angst geführt.

Wackernagel: Manchmal schlägt das Pendel tatsächlich zur falschen Seite aus. Es ist total scheinheilig, jeden erotischen Satz verbieten zu wollen. Wenn man nicht mehr sagen darf, dass eine Frau hübsch ist, wäre das ein Verlust. Denn das möchte ich haben als Frau. Und so etwas hat auch nichts mit Missbrauch zu tun, um den es in der Debatte geht. Man kann ziemlich genau sehen, wann ein Flirt eingesetzt wird, um Macht auszuüben, und wann er nur spaßhaft gemeint ist.

Können Sie sich noch "House of Cards" anschauen, ohne an die Missbrauchsvorwürfe gegen Hauptdarsteller Kevin Spacey zu denken?

Wackernagel: Natürlich, ich finde die Serie immer noch großartig. Ich liebe auch weiterhin die Filme von Woody Allen. Man muss den Künstler und sein Werk trennen. Sonst dürften wir auch nicht mehr Bertolt Brecht auf die Bühne bringen. Der hat die Frauen zum Teil sehr schlecht behandelt. Friedrich Schiller hat sich gegenüber Christiane Vulpius unmöglich benommen. Und auch Johann Wolfgang von Goethe hatte seine Schmuddelseiten.

In der Debatte wird fast ausschließlich über Schauspielerinnen geredet, warum eigentlich nicht auch über Krankenschwestern und andere Berufe?

Wackernagel: Das stimmt, man müsste die Debatte ausweiten. Im Krankenhaus habe ich oft mitbekommen, wie gut Krankenschwestern über die Patienten Bescheid wissen. Und dann kam der Arzt und sagt von oben herab: "Nein, das braucht der Patient nicht." So etwas muss ebenfalls zur Sprache kommen.

Was, glauben Sie, wird sich durch die #MeToo-Debatte in der Gesellschaft nachhaltig verändern?

Wackernagel: Bei den Oscars werden schöne Frauen wahrscheinlich wieder alten Produzenten um den Hals fallen, als sei nichts gewesen. Aber die Debatte wird immer größere Kreise ziehen und uns sensibilisieren - nicht nur in der Schauspielwelt, und zwar in allen Schichten. Da bin ich mir sicher. Maßlose Machtausübung auf Kosten anderer wird es weit weniger geben. Und die Männer werden nicht mehr ungestraft davonkommen.

Zur Person

  • Geboren: am 16. Februar 1947 in Stuttgart als Tochter der Schauspielerin Erika Wackernagel und des Regisseurs und Ulmer Intendanten Peter Wackernagel.
  • Ausbildung: Schauspielausbildung in München
  • Karriere: Theater-Engaments in Tübingen, Freiburg und Kassel. Zahlreiche Rollen im Film und Fernsehen.
  • Privates: Die Mutter dreier Kinder, die auch drei Enkel hat, lebt mit ihrem Mann im Kasseler Stadtteil Harleshausen. Ihre Tochter Katharina Wackernagel ist ebenfalls als Schauspielerin erfolgreich. Sohn Jonas Grosch arbeitet als Regisseur. Sabine Wackernagels Bruder Christof machte durch seine Mitgliedschaft in der RAF Schlagzeilen.  
  • Im Netz: www.sabinewackernagel.de

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