Interview

Dunkelhäutiger Apotheker aus Kassel über das M-Wort: „Mich stört der Begriff nicht“

Blessed Isi Momodu vor seiner Westend-Apotheke am Kasseler Bebelplatz.
+
Blessed Isi Momodu vor seiner Westend-Apotheke am Kasseler Bebelplatz.

Eine Initiative aus Kassel will, dass sich alle Mohren-Apotheken in Deutschland neue Namen geben. Was sagt ein dunkelhäutiger Apotheker dazu?

Kassel – Als erste Stadt in Deutschland hat Kassel nach dem N-Wort auch das M-Wort geächtet. Die Stadtverordneten griffen damit eine Initiative von Ruth und Thomas Hunstock auf, die sich auch dafür einsetzen, dass der Begriff Mohr „aus dem Namen aller Apotheken“ verschwindet. Ob das M-Wort tatsächlich eine rassistische Fremdbezeichnung ist, wie es im Parlamentsbeschluss heißt, darüber sprachen wir mit Blessed Isi Momodu.

Der gebürtige Nigerianer betreibt in Sichtweite der Mohren-Apotheke am Bebeplatz die Westend-Apotheke.

Apotheker aus Kassel im Interview

Wie finden Sie es, dass die Stadt das M-Wort geächtet hat?
Ich finde das erst einmal gut. Dazu muss man aber die Entstehungsgeschichte des Wortes verstehen. Bis zum 10. Jahrhundert war der Begriff überhaupt nicht negativ belastet. Es war sogar eine edle Bezeichnung für Afrikaner, die vor allem in Südeuropa lebten. Die Heilkunst der Mauren war damals weit fortgeschritten und beeinflusste große Teile der Wissenschaft. Die Mauren brachten neue Heilmittel nach Europa, ihre Apotheken waren sehr beliebt. In diesem Sinn war auch das Wort Mohr ein respektierter Begriff.
Auf diesen Ursprung des Wortes Mohr verweisen auch die Kritiker der Ächtung.
Sie berücksichtigen dabei nicht, wie sehr sich die Bedeutung des Begriffs später gewandelt hat. Sklaverei und Kolonialismus führten zu rassistischen und stereotypischen Darstellungen von Afrikanern in der europäischen Gesellschaft. Es entwickelte sich eine negative Konnotation. Mohr wurde zum Synonym für Afrikaner.
Sie verstehen also den Protest der Initiative?
Ja und nein. Die Menschen, die die Verwendung des Begriffs kritisieren, haben recht. In einer Demokratie müssen sie das sagen können. Aber sie können nicht einfach sagen, die anderen hätten kein recht, das Wort zu verwenden. Letztlich müssen die Behörden entscheiden. Sie müssen die Sorgen von denjenigen ernst nehmen, die sich diskriminiert fühlen, und schließlich abwägen.
Die Initiatorin Ruth Hunstock sagt, das Wort sei der Horror für sie. Fühlen Sie sich auch verletzt, wenn Sie morgens und abends an der Mohren-Apotheke vorbeigehen?
Nein, das verletzt mich nicht. Mich persönlich stört der Begriff nicht.
Eine Umbenennung wäre teuer. Ein Apotheker aus Bonn, der seinen Betrieb nach einer mehr als 80-jährigen Firmengeschichte umbenannt hat, schätzt, dass das 10 000 Euro gekostet hat. Ist es das wert?
Nein. Für eine kleine Apotheke ist das nicht zu stemmen. Hieße meine Apotheke Mohren-Apotheke, hätte ich sie umbenannt und einen Namen gesucht, den die Menschen akzeptieren. Aber nur, wenn der Staat die Kosten bezahlen würde.
Viele Menschen haben kein Verständnis für die Initiative. Manche wollen auch weiterhin Begriffe wie Mohrenkopf und Zigeunerschnitzel verwenden.
Solche Wörter sind mit Vorsicht zu behandeln. Ich würde diese Begriffe natürlich nicht mehr sagen. Ich bin schwarz. Da fühlt man sich nicht wohl, wenn jemand Mohrenkopf sagt. Einige Begriffe sind einfach nicht mehr zeitgemäß.
Laut Umfragen haben viele Deutsche das Gefühl, sie könnten nicht mehr ihre Meinung sagen. Und zwar auch deshalb, weil manche ihnen Begriffe wie Mohr verbieten würden. Welchen Eindruck haben Sie?
Ich kann verstehen, dass die Menschen solche Sorgen haben. Manchmal fragen mich ältere Kunden, was sie jetzt eigentlich noch sagen können. Nehmen Sie das Beispiel Schwarzfahren. Auch das ist negativ belegt. Das Thema ist nicht einfach.
Was würden die Menschen in Nigeria zu der Debatte sagen?
Sie hören, dass es in Europa Rassismus gibt. Aber von dem Ausmaß, in dem schwarze Menschen in Europa diskriminiert werden, haben sie keine Vorstellung. Wahrscheinlich würden sie sich über die Debatte wundern.
Wie oft erleben Sie im Alltag Rassismus?
Seitdem ich 2001 nach Kassel gekommen bin, habe ich nie etwas Negatives erlebt. Vorher habe ich in Jena gelebt. Das war schlimm. Dort wurden mir auf der Straße und in der Straßenbahn Schimpfwörter hinterhergerufen. Aber in Kassel habe ich das noch nie erlebt.
Wirklich?
Ja, hier sind alle freundlich, nicht nur meine Kunden. Das heißt aber nicht, dass es in Kassel keinen Rassismus gibt.
Wäre die Welt besser, wenn es keine Mohren-Apotheken mehr gäbe?
Das muss die Gesellschaft entscheiden. Ich wünsche mir eine Welt ohne Vorurteile.

(Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.