An der Wilhelmshöher Allee in Kassel kämpfen Mieter um ihre Wohnung

Mieter wohnen noch - Abriss ist schon genehmigt

Das Foto zeigt: Karl Leonard Heinemann, Beat Sandkühler, Rasheed Faraq und Mario Lang.
+
Solidarisch: Auch der Ortsbeirat Vorderer Westen ist alarmiert über die Abrisspläne an der Wilhelmshöher Allee 174. Unser Foto zeigt aktuelle und ehemalige Bewohner, Karl Leonard Heinemann, Beat Sandkühler, Rasheed Faraq, und den stellvertretenden Ortsvorsteher Mario Lang.

Die Mieter wohnen noch im Haus und wollen dort auch bleiben, dabei ist der Abriss des Gebäudes Wilhelmshöher Allee 174 schon besiegelt. Er ist von der Kasseler Bauverwaltung genehmigt worden – ebenso wie die geplante Neubebauung. Öffentlich wurde dies in der jüngsten Sitzung des städtischen Bauausschusses.

Kassel. Nicht der Hauseigentümer hat die Genehmigungen für den Abriss eingeholt, sondern ein Investor. Das klingt ungewöhnlich, ist aber geltendes Recht. Der Investor hat es auf das Hinterhausgrundstück der Wilhelmshöher Allee 174 abgesehen. Nummer 176 gehört ihm bereits. In dem Bereich will er einen Gebäuderiegel für Wohnungen bauen. Die Abrissgenehmigung ist Voraussetzung für seine Pläne. „Das hat alles seine Richtigkeit“, sagt der Kasseler Noch-Eigentümer der Immobilie und wehrt ab: „Wir reden hier nicht von Gentrifizierung oder Entmietung.“ Es werde Wohnraum geschaffen. Er sieht dem Geschäft zufrieden entgegen.

Noch aber leben die Bewohner im Haus. Und weil Karl Leonard Heinemann, Nella Witsch und Beat Sandkühler nicht ausziehen wollen, bekommen sie nun massiven Druck. Nach diversen Kündigungsschreiben sind ihnen jetzt Räumungsklagen zugestellt worden.

Dabei liebt Karl Leonard Heinemann seine Hinterhofwohnung. Vorne sorgt die Wilhelmshöher Allee für eine ideale Verkehrsanbindung, im Gebäude – eine ehemalige Feinmechanik-Werkstatt – ist es ruhig. Wenn Heinemann und seine Mitbewohner auf der Dachterrasse mit Blick in die Gärten sitzen, hören sie statt Autolärm Vogelgezwitscher.

Doch mit der Wohnqualität ist es vorbei. Vielmehr sind die Bewohner, wie sie sagen, seit einem Jahr „übelstem Nerventerror“ ausgesetzt. Sie seien Opfer einer „rücksichtslosen Entmietungsoffensive“ geworden. Zweimal sei jemand mit Brecheisen in das Gebäude eingedrungen. Um wen es sich dabei gehandelt hat, ist Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Zuletzt standen Fremde im Hof und forderten die Bewohner auf, ihre Koffer zu packen.

Dabei gibt es seit 2014 gültige Mietverträge und der Eigentümer hat dem Hauptmieter auch die rechtlich vorgeschriebene Wohnungsgeberbescheinigung ausgestellt. Die Mieter hätten sich nichts zu Schulden kommen lassen, sagt der Eigentümer zu der Räumungsklage. Trotzdem müssten sie raus.

Das Ganze ist um so tragischer für Heinemann, als sein Bruder die Immobilie kaufen wollte, um das Wohnprojekt für sich und die studentischen Bewohner zu erhalten. Gespräche mit dem Eigentümer waren bereits geführt, die Verkaufsverhandlungen quasi abgeschlossen. Sogar beim Notar war man und hatte die Grundstücksteilung beantragt. Doch dann wendete sich der Eigentümer dem neuen Investor zu.

Heinemann, Sandkühler und Witsch, die im Quartier bekannt sind, weil sie mehrfach zu Kunstausstellungen und Wohnzimmerkonzerten eingeladen haben, haben inzwischen ein Netz aus Fürsprechern geknüpft. Auch der Ortsbeirat Vorderer Westen sowie Professor Hermann Bullinger vom Verein Kassel West missbilligen den geplanten Abriss. Der stellvertretende Ortsvorsteher, der Architekt Mario Lang (SPD), sagt: „Unser Kampf im Stadtteil gilt der voranschreitenden Gentrifizierung, Vertreibung von Altmietern sowie steigenden Mieten.“

Auch der Stadthistoriker Christian Presche bedauert einen möglichen Abriss. „Das Gebäude ist ein Beispiel für traditionelle Mischstrukturen, in denen Wohnbebauung und Handwerksbetriebe dicht beieinanderliegen. An der Wilhelmshöher Allee reicht eine solche Durchmischung bis ins 18. Jahrhundert zurück.“

Nach Durchsicht der Unterlagen zu dem Fall kommt der Mieterbund zu der Einschätzung, dass die Kündigung des Mietvertrags unwirksam ist. Es existiert kein Kündigungsgrund, sagt Maximilian Malirsch vom Mieterbund Kassel.

Von Christina Hein

Die Grafik zeigt die Wilhelmshöher Allee in Kassel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.