Deutsche Annington mit neuem Namen

Mieter müssen mehr bezahlen: Modernisierungen durch Vonovia

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Modernisierung seit Mai: Die Vonovia, früher Deutsche Annington, lässt 250 der rund 2000 Mietwohnungen in Kassel für vier Mio. Euro sanieren, auch die Häuser am Frasenweg 4-8 (Bild) in Kirchditmold. Weitere Vonovia-Wohnungen sind in Rothenditmold, der Südstadt und in Bad Wilhelmshöhe.

Kassel. Mit dem neuen Namen Vonovia und dem Aufstieg in den Börsen-Leitindex DAX will das Wohnungsunternehmen Deutsche Annington aus der Sicht des Mieterbundes Nordhessen ein unliebsames Image loswerden.

Seit 2013 werde daran gearbeitet, sich als den Mietern nicht weniger als den Anlegern verpflichtetes Unternehmen zu präsentieren, sagt Mieterbund-Geschäftsführer Folker Gebel: „Wir stellen die Frage, ob dieser Wandel vom Saulus zum Paulus tatsächlich gelungen ist.“

Über Jahre seien auch viele der 2000 Annington-Wohnungen in Kassel zum Ärger der Mieter nur mangelhaft in Schuss gehalten worden. „Die Fälle von teils drastischen Wohnungsmängeln, zum Beispiel Schimmelbefall, überschlugen sich nahezu“, erinnert sich Gebel. Gagfah wie Annington, beide einst durch Finanzjongleure dominierte Unternehmen, investierten kaum noch in den Gebäudebestand. Inzwischen sei zu beobachten: „Profite durch Vernachlässigung scheint nicht mehr die zentrale Strategie des Unternehmens zu sein.“

Die aktuellen Investitionen in Instandhaltung und Modernisierung „waren auch dringend nötig“, erklärt Gebel, „denn in die Wohnungsbestände wurde lange Zeit viel zu wenig investiert.“ Die Modernisierungen könne sich der Wohnungskonzern allerdings von den Mietern bezahlen lassen. Das führe zu höheren Mieten. Für die Mieter seien Modernisierungen deshalb zwiespältig. Zwar könnten Balkone die Wohnqualität verbessern und bessere Dämmung Heizkosten sparen. Doch die höhere Miete würde Ersparnisse beim Energiebedarf meist übertreffen.

Die Mieten sollen auch nach der Sanierung günstig bleiben, erklärte Vonovia-Sprecher Philipp Schmitz-Waters. Es bringe dem Unternehmen ja nichts, „wenn wir modernisieren, und nachher ist die Wohnung leer.“

Der Mieterbund vermutet, „dass die Vonovia auch in Zukunft verstärkt auf Modernisierungen setzt.“ Diese steigerten den Immobilienwert. „Das freut vor allem die Anleger“, sagt Gebel.

Zur Steigerung des Unternehmenswertes dienten auch Mieterhöhungen ohne Modernisierung sowie die „teils fragwürdige Abwälzung von Kosten auf die Miete über die jährlichen Betriebskostenabrechnungen.“ Da gehe es beispielweise um Hausmeisterabrechnungen, Pflege des Baumbestandes oder Kosten für das Müllmanagement.

Fazit der Mietervertreter: „Der Druck zu Mietsteigerungen einerseits und zur Abwälzung von Kosten auf die Mieter andererseits erklärt sich aus dem Bestreben, sich an der Börse möglichst gut darzustellen“, sagt Gebel. Die Vonovia verspreche den Aktienkäufern Wachstum, eine sichere Anlage und rentierliche Dividenden. Für die Mieter sei das aber kein Grund zum Jubeln.

Von Heuschrecke zum Dax-Konzern

Seit Monatsanfang nennt sich das Wohnungsunternehmen Deutsche Annington jetzt Vonovia. Die europäische Aktiengesellschaft ist durch Übernahmen zum größten deutschen Vermieter mit fast 370 000 Wohnungen im Wert von rund 23 Milliarden Euro geworden. In Kassel werden 2000 Mietwohnungen bewirtschaftet.

Der Immobilienboom in Deutschland hält jetzt auch im wichtigsten deutschen Börsen-Barometer Einzug. Der Immobilienkonzern Vonovia ist in das Standardwerte-Barometer aufgenommen worden und zählt damit zum Kreis der 30 erfolgreichsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands.

Der Wohnungskonzern, der Anfang dieses Jahres die frühere Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah) übernommen hatte, war in der Vergangenheit durch mangelnde Instandhaltung der Wohngebäude in die Kritik geraten und als Immobilien-Heuschrecke verschrien. Doch inzwischen setzt Vonovia auf Investitionen in Instandhaltung, Modernisierung und den altersgerechten Umbau der Mehrfamilienhäuser. In Kassel sollen dieses Jahr für vier Millionen Euro 250 Wohnungen modernisiert werden. Der Mieterbund Nordhessen rechnet deshalb mit deutlichen Mieterhöhungen in den betroffenen Mehrfamilienhäusern und rät den Vonovia-Mietern, die geforderten Mieterhöhungen überprüfen zu lassen.

Die Deutsche Annington hatte im Jahr 2001 zehn frühere Eisenbahnerwohnungsgesellschaften übernommen. Im Juli 2013 ging das Unternehmen an die Börse, die damaligen Finanzinvestoren stiegen vollständig aus. Neben der Gagfah verleibte sich der Konzern auch die Wohnungsunternehmen Vitus, Dewag, Franconia sowie die Südewo-Gruppe ein.

In Hessen hat die Gagfah Wohnungen in Frankfurt, Schwalbach und Wiesbaden. 2007 hatte die Gagfah auch 500 Wohnungen in Baunatal-Altenbauna übernommen, aber 2014 an die GWH Wohnungsgesellschaft Hessen weitergereicht, was bei vielen Mietern nach einigem Ärger mit der Gagfah zu Erleichterung geführt hatte.

Die Aktien der neuen Vonovia SE, die derzeit für annähernd 30 Euro pro Stück gehandelt werden, befinden sich nach Definition der Deutschen Börse zu rund 95,4 Prozent im Streubesitz. Entsprechend der langfristigen strategischen Ausrichtung seien laut Vonovia auch die größten Einzelaktionäre langfristig ausgerichtete Pensionskassen und Fonds.

Die Wohnungen von Vonovia befinden sich in zusammenhängenden Siedlungen, verteilt auf etwa 700 Standorte in Deutschland. Die Zentrale des Unternehmens ist in Bochum. Vonovia beschäftigt rund 5900 Mitarbeiter.

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