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Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde stand nicht nur bei der documenta im Fokus

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Von: Matthias Lohr

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Organisierte auch die Petition zur Öffnung der NSU-Akten: Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde Kassel im September vor dem Ruruhaus der documenta.
Organisierte auch die Petition zur Öffnung der NSU-Akten: Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde Kassel im September vor dem Ruruhaus der documenta. © Matthias Lohr

Er war stets besonnen zwischen all den lauten Rufen: Miki Lazar stand im Jahr 2022 bei der documenta im Fokus und organisierte auch die Petition zur Öffnung der NSU-Akten.

Kassel – Anfang Oktober erhielt Miki Lazar einen Anruf aus der Redaktion des Satirikers Jan Böhmermann. Das „ZDF Magazin Royale“ wollte wissen, wie das war mit der Petition zur Öffnung der NSU-Akten, die Lazar mit sechs anderen Kasselern auf den Weg gebracht hatte. 134 500 Menschen hatten das Anliegen unterstützt, mehr als bei jeder anderen Petition in Hessen. Der Untersuchungsbericht des hessischen Verfassungsschutzes wurde dennoch nicht veröffentlicht. Die schwarz-grüne Mehrheit in Wiesbaden war dagegen. „Die Petition ist ins Nirvana geschickt worden“, sagt Lazar.

Umso überraschter war der 65-Jährige, als Böhmermann die Akten Ende Oktober ins Netz stellte. Die geheimen Unterlagen waren der ZDF-Redaktion zugespielt worden. Nun konnte jeder nachlesen, welches Zeugnis sich der Inlandsgeheimdienst bei der Ermittlung zur rechten Terrorserie der NSU-Bande ausgestellt hatte. Lazar fasst es so zusammen: „Es gab ein aktives Staatsversagen.“

Der Geschäftsführer der Werbeagentur Makom hat sich vielfältig eingebracht bei der Petition. So ist er mit seinen Mitstreitern nach Wiesbaden gefahren, um mit Grünen-Politikern zu reden. Ihre Beweggründe versteht er nicht: „Wären die Grünen in der Opposition, wären sie auf unserer Seite. Und die SPD hätte sich in der Regierung wohl genauso verhalten.“

Der Vater zweier Töchter klingt desillusioniert, wenn er das erzählt. Das verwundert nicht, denn er hat sich in diesem Jahr noch mit einem anderen Thema beschäftigt, das das Land ähnlich aufgewühlt hat wie die NSU-Mordserie. Im Streit um Antisemitismus auf der documenta war Lazar mittendrin. Der Israeli kam vor 40 Jahren zum Studieren nach Deutschland und blieb in Kassel. Hier ist er Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Lazar ist aber auch Kunst-Fan und hat sich mit Mitgliedern des indonesischen Kollektivs Ruangrupa angefreundet. Die halten einige in Deutschland für Antisemiten, weswegen sie Reza Afisina und Iswanto Hartono eine Gastprofessur in Hamburg entziehen wollen.

Das documenta-Motto „Make friends, not art“ passt zu kaum jemandem besser als zu Lazar, der stets besonnen wirkte zwischen all den lauten Rufern, die die Debatte bestimmten. Ruangrupa hat er deutlich kritisiert, weil sie mit ihrem Prinzip des Nichtkuratierens zugelassen hätten, dass der Palästina-Konflikt all die anderen wichtigen Themen der documenta fifteen überlagerte. Für den linken Israeli ist die Boykottbewegung BDS „klar antisemitisch“. Er hat aber auch all jene kritisiert, „die nicht unterscheiden zwischen Antisemitismus und Kritik an politischen Entscheidungen der israelischen Regierung“. Die Reaktionen auf die Gastprofessur der Ruangrupa-Mitglieder findet er „überdreht“.

Lazar sagt, dass er im Zuge der Debatte mehr Antisemitismus erlebt habe als auf der documenta selbst. Er musste sich Sätze anhören wie: „Jetzt haben die Juden auch noch Sabine Schormann erledigt.“ Die Generaldirektorin musste die documenta Mitte Juli verlassen. Für ihn ist klar, dass bei der Leitung viel schief gelaufen ist. So hätten Ruangrupa am Dienstag nach der Eröffnung entschieden, dass das Banner auf dem Friedrichsplatz abgebaut wird. Doch Schormann und Oberbürgermeister Christian Geselle seien ihnen dann zuvorgekommen. Man habe Ruangrupa die Möglichkeit genommen, als Akteur aufzutreten, ein „stolen moment“. Laut Schormann sei die Entscheidung gemeinsam gefällt worden, wie sie damals erklärte.

Lazar will weiter im Dialog bleiben. Der Austausch müsse jetzt erst recht weitergehen. Aus dem Vorstand des documenta forums hat er sich nach vielen Jahren zurückgezogen. Dafür engagiert er sich im Verein Bewegungsperspektiven, der die Ausstellung „Lichte Wege“ auf dem Weinberg organisiert. Er will helfen, dass die Arbeit „86 Grad“ der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian auf dem Regierungspräsidium zum Gedenken an die Mordopfer Halit Yozgat und Walter Lübcke realisiert wird.

Und er überlegt, neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen: „Ich staune, dass Ausländer nicht wählen dürfen in einer Stadt, in der sie in allen Bereichen Verantwortung übernehmen dürfen. Ich kann nur etwas ändern, wenn ich selbst wählen kann.“

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