VW-Busse geknackt und nach Litauen gebracht

Milde für drei Autoschieber: Gericht verhängt Bewährungsstrafen

Kassel. Der Satz in der Anklageschrift hatte vielversprechend geklungen: „Die Angeklagten bildeten eine Zelle innerhalb einer litauischen Tätergruppe, die sich spezialisiert hatte auf den Diebstahl von VW-Bussen.“

Sollte es der Staatsanwaltschaft tatsächlich gelungen sein, ein Netzwerk von Autoschiebern aufzudecken? Inklusive Hintermännern? Das wäre geradezu sensationell gewesen.

War es aber nicht. Nach achtstündiger Verhandlung am Montag stufte das Kasseler Amtsgericht das Trio auf der Anklagebank nicht einmal mehr als Bande ein – und verhängte milde Bewährungsstrafen. „Bandenmäßigkeit war nicht festzustellen“, erklärte Richter Leyhe. „Dafür sind Sie zu wenige.“

Denn nur eine der fünf vorgeworfenen Taten hatten die drei Männer nach ihren eigenen, nicht zu widerlegenden Angaben gemeinsam begangen: Im September 2012 hatten sie in einer Sandgrube in Dörnhagen zusammen Diesel aus Baufahrzeugen abgezapft. Das Kerngeschäft – den Diebstahl von VW-Bussen vom Typ T 4 und Multivan – hatten die zwei Haupttäter dagegen weitgehend allein betrieben.

Elektronische Schlüssel

Zwischen Mai und November 2012 brachen sie auf dem Parkplatz der Baunataler Werkstätten, in Kassel sowie in den westfälischen Städten Hamm und Werl jeweils einen solchen Bus auf, setzten mit speziellen elektronischen Schlüsseln die Wegfahrsperre außer Gefecht und brachten die geklauten Autos zum Ausschlachten nach Litauen.

Die beiden Hauptangeklagten – ein 38 Jahre alter Bauarbeiter und ein 44 Jahre alter Kraftfahrer – wurden dafür zu zweijährigen Bewährungsstrafen verurteilt. Ihr nur am Rande beteiligter Kumpel, 38 Jahre alt und ebenfalls Kraftfahrer, kam mit einer zwölfmonatigen Bewährungsstrafe davon.

Allen dreien hielt das Gericht zugute, dass „doch alles eher einfach gestrickt“ und „nicht bis ins Letzte durchdacht“ gewesen sei.

So hatten die Angeklagten all das, was sie an wertvollen oder auch nur auffälligen Dingen in den gestohlenen Autos fanden, in ihrer Kasseler Wohnung aufbewahrt. Wo es schließlich von der Polizei gefunden wurde.

Sie hätten nicht so recht gewusst, was sie damit machen sollten, erzählte einer der Männer. „Wo entsorgt man solche Sachen?“ Und auch die Erklärung, warum sie sich statt an teuren Limousinen ausgerechnet an VW-Bussen vergriffen hatten, mutete schlicht an: Das elektronische Diebstahlwerkzeug, das sie sich zuvor über das Internet besorgt hätten, habe halt nur zu Volkswagen gepasst.

40.000 Euro Schaden

Der Gesamtschaden durch die Diebstahlsserie wurde auf mehr als 40.000 Euro beziffert. Die Angeklagten aber beteuerten, an einem geklauten Auto kaum mehr als 200 Euro verdient zu haben.

Lächerlich wenig? Ja. Und doch fast genauso viel, wie sie mit ihren regulären Jobs in Litauen verdient hatten – im Monat. (jft)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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