Milde für Schuss mit Plastikmunition

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Schüsse in Niederzwehren: Ein heute 28-Jähriger hatte im vergangenen August vor seiner Wohnung mit einer Softairwaffe auf Polizisten geschossen. Er selbst wurde bei dem Schusswechsel schwer verletzt.

Kassel. „Aber Du hast doch gar nichts gemacht“, sagt der Mann, der den Angeklagten im Rollstuhl aus dem Saal schiebt. Es ist Mittwochmittag. Gerade hat das Kasseler Amtsgericht den 28-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte sowie fahrlässigen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt.

Eine Freiheitsstrafe von acht Monaten wurde verhängt und zur Bewährung ausgesetzt. Dass der Kasseler das Urteil noch im Saal angenommen hat, versteht sein Freund nicht.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 28-Jährige im August betrunken vor einem Wohnhaus in Niederzwehren eine Softairpistole gegen Polizeibeamte richtete, die sich ihm im Einsatz näherten. Einen der Beamten habe er mit Plastikmunition beschossen und an der Schläfe getroffen. Später wurde noch ein verbotenes Butterfly-Messer in seiner Wohnung gefunden.

Obwohl der 28-Jährige mehrfach vorbestraft ist, wird die Bewährung gegeben. Der Mann sei durch Schüsse der Polizisten erheblich verletzt worden, betont Richter Römer: Die Folgen der Tat seien „Warnung und Lehre genug“. Der Angeklagte selbst hatte sich geweigert, zu den Vorgängen an jenem Augusttag auszusagen. Er wundert sich zwar zu Anfang des Prozesses noch, dass sein Anwalt nicht erschienen sei - und über die Auswahl der Zeugen. Was damals passiert sei, murrt der 28-Jährige aber, habe er schon dem Anwalt gesagt und Männern „aus Wiesbaden“. Jetzt sage er „überhaupt nichts mehr“.

So werden nur Polizisten gehört. Erster Zeuge ist der Mann, von dem die Staatsanwaltschaft sagt, dass er Todesängste ausstand, als ihn das Plastikgeschoss traf. Der Beamte stockt in seinem Bericht. Er habe versucht, vieles aus dieser Nacht zu verdrängen, sagt er. Er habe damals direkt in den Lauf der Pistole gesehen, die einer Polizeiwaffe täuschend ähnlich sah. Den ersten stechenden Schmerz durch den Treffer habe er nicht lang gespürt. Aber in den ersten Nächten sei „an Schlaf nicht zu denken gewesen“.

Vor dem Einsatz habe die Zentrale damals gemeldet, in Niederzwehren laufe ein Mann mit Schusswaffe umher. Als der Mann in dem Hauseingang geortet wurde, rückten mehrere Beamte an. Er und ein Kollege sollten den Verdächtigen ansprechen, berichtet der Zeuge.

Weitere Beamte sollten den Einsatz absichern und hielten ihre Waffen bereit, sagt eine Polizistin aus. Wer zuerst schoss, könne sie nicht sagen. „Ich konnte die Schüsse nicht differenzieren.“ Das nächste Bild, das sie vor Augen habe, sei der verletzte Angeklagte im Hauseingang. Die Zeugin betont: „Ich hätte in dem Moment auch geschossen.“ Die Situation sei wirklich bedrohlich gewesen.

Zwei weitere beteiligte Beamte machten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Gegen sie läuft wegen der Schüsse auf den Angeklagten ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt.

Von Katja Schmidt

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