Erst wurde ein 38-Jähriger brutal zusammengetreten, dann stach er zu: Bewährung

Milde Strafe für Messerattacke

Kassel. „Man muss sich das vorstellen“, sagte der Vorsitzende Richter Volker Mütze, „wie die kleinen Kinder.“ Gemeinsam waren der Angeklagte und sein Opfer petzen gegangen, bei zwei Ordnungspolizisten, die ihnen nach der Tat zufällig über den Weg liefen. „Der hat mich mit dem Messer gestochen!“, rief der eine Mann. Und sein Widersacher konterte: „Ja, aber was hast du denn mit mir gemacht?“ Den Ernst der Lage, meint Richter Mütze, hätten beide wohl nicht erfasst.

Lunge wurde verletzt

Dabei hätte der jüngere der zwei – ein 26-Jähriger aus Kassel – an jenem Julitag 2009 fast sein Leben verloren: Der Ältere hatte ihm vor der Einkaufsgalerie City-Point ein Messer in den Rücken gerammt und die Lunge verletzt. Jetzt wurde der 38-Jährige deshalb von der Schwurgerichtskammer des Kasseler Landgerichts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Verteidigung. Staatsanwalt und Nebenklage hatten zweieinhalb Jahre Gefängnis beantragt.

Dass der Richterspruch derart milde ausfiel, hatte viele Gründe. Entscheidend: Die Tat war vom Gericht – wie im übrigen von allen anderen Verfahrensbeteiligten auch – nicht mehr als versuchter Totschlag, sondern nur noch als gefährliche Körperverletzung gewertet worden. Denn eine versuchte Tat ist nicht strafbar, wenn der Versuch abgebrochen wird. Und eben das war hier geschehen: Der Angeklagte hatte nicht noch einmal zugestochen, obwohl er wusste, dass sein Gegner noch lebte. Und obwohl er die Gelegenheit zu einer weiteren Attacke gehabt hätte. Stattdessen war es zu dem seltsamen Auftritt der beiden Männer bei den Ordnungspolizisten gekommen.

Fußballstreit war eskaliert

Und der Vorwurf, den der Messerstecher dabei an sein Opfer gerichtet hatte, war – auch das wirkte strafmildernd – durchaus berechtigt: „Ja, aber was hast du denn mit mir gemacht?“ Bevor er nämlich zugestochen hatte, war der Angeklagte von dem 26-Jährigen und seinem Neffen im City-Point brutal zusammengetreten worden. Aus nichtigem Anlass: Ein alter Fußballstreit war blutig eskaliert. Der Messerangriff, so sah es das Gericht, war der Versuch eines gedemütigten und verletzten Mannes, sich zu rächen.

„Er ist nicht der klassische Messerstecher, der auf jeden, der ihn schief anguckt, mit dem Messer losgeht“, betonte Mütze. Die Tatwaffe hatte der 38-Jährige erst wenige Stunden vor der verhängnisvollen Begegnung gekauft – für einen Urlaub, in den er am Abend mit seiner Familie aufbrechen wollte. Als er zustach, klebte noch das Preisschild auf der Klinge. An die vom Angeklagten behauptete Notwehr aber wollte das Gericht nicht glauben: „Das können wir so was von deutlich ausschließen“, sagte Mütze. „Ein sauberer und gerader Stich in den Rücken ist schwerlich möglich, wenn jemand auf einen zukommt.“

Von Joachim F. Tornau

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