22-Jähriger hat neunjährigen Jungen missbraucht

Mildes Urteil für Sexualstraftäter aus Schwalm-Eder-Kreis

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.
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Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.

Ein überraschendes Ende nahm am Mittwoch der Prozess gegen einen 22-Jährigen aus dem Schwalm-Eder-Kreis.

Kassel  /  Schwalm-Eder – Er wurde wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und dem Besitz kinderpornografischer Schriften am Landgericht Kassel unter Anwendung des Jugendstrafrechts verwarnt. Gründe für die geringe Strafe waren unter anderem das Fehlen der besonderen Schwere der Schuld, eine günstige Sozialprognose, ein umfassendes Geständnis und die Persönlichkeit des Angeklagten.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Angeklagten vorgeworfen, im April 2019 einen Neunjährigen in Pirna (Sachsen) im Beisein seines Stiefvaters missbraucht zu haben. Zuvor soll er sich in einer Chatgruppe mit zwei Männern über sexuelle Handlungen an Kindern ausgetauscht haben. Im März 2019 sei ihm per Chat einschlägiges Bildmaterial zugesendet worden. Anschließend habe man sich verabredet, den Stiefsohn eines der am Chat beteiligten Männer in einer zu diesem Zweck angemieteten Ferienwohnung zu missbrauchen. Der zweite Mann soll den zweifelnden Angeklagten bestärkt und zur Wohnung gefahren haben. Dort habe der zur Tatzeit 20-Jährige mit dem Kind Lego gespielt. Dann soll er auf Anweisung des Stiefvaters erst an diesem und dann am Kind kurz Oralverkehr vollzogen haben.

Das gestand der jung wirkende Angeklagte in seiner 1,5 Stunden dauernden Vernehmung auch. Allerdings fanden seine Aussage und andere Teile der Verhandlung, wie das Plädoyer der Verteidigung und die Verlesung von Gutachten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die Staatsanwältin skizziere in ihrem Plädoyer das Bild eines unsicheren, überforderten, unreifen Mannes. Der 22-Jährige habe mit den Folgen einer schwierigen Kindheit und des eigenen Missbrauchs zu kämpfen. Zufällig habe er den Mann kennengelernt, der den Kontakt zum Stiefvater des Opfers herstellte. Die Männer hätten ihn ausgenutzt und sein Weltbild schrittweise manipuliert. „Es bestand eine psychische und materielle Abhängigkeit.“ Trotz dieser Umstände, dem glaubhaften Geständnis und Bedauern der Tat bestehe eine besondere Schwere der Schuld. Sie forderte eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten.

Der Vorsitzende Richter wandte das Jugendrecht an und sah keine besondere Schuldschwere. Er entschied, den 22-Jährigen zu verwarnen. Das Jugendrecht habe einen erzieherischen Anspruch, der eine genauere Betrachtung der Umstände zulasse. Er sei zu der Tat gedrängt und mit der Fahrt zur Ferienwohnung in eine Art Falle gelockt worden, womöglich um ein Druckmittel gegen ihn zu haben. Besonders anfällig für die Manipulation habe den Angeklagten seine inzwischen diagnostizierte asthenische Persönlichkeitsstörung gemacht. Der 22-Jährige habe durch Chatnachrichten und seine Aussage gezeigt, dass er vor der Tat große Zweifel und danach große Reue empfunden habe. Er habe sich in therapeutische Behandlung begeben. „Ich bin mir sicher, dass sie diese fortführen werden“, sagte der Richter. Er würdigte auch das umfassende Geständnis des Angeklagten. Die Gefahr einer Wiederholungstat sah der Richter nicht, wie er sagte. Gegen einen Jugendarrest von bis zu vier Wochen sprach laut Richter, dass der 22-Jährige bereits sechs Wochen in Untersuchungshaft gesessen habe. Arbeitsstunden würden die Therapie des Mannes beeinträchtigen.

„Ich hoffe, ich sehe Sie hier nicht wieder“, sagte der Richter zum Abschluss.

Von Michaela Pflug

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