Bulgarin wurde von Freier schwanger

Milieu-Ausstieg mit Baby: Ex-Prostituierte kämpft in Kassel ums Überleben

Kassel. Noch vor einem Jahr arbeitete Anna als Prostituierte. Ihre Freier lernte die 28-jährige Bulgarin gewöhnlich in Sex-Clubs kennen, an deren Betreiber sie 40 Prozent ihrer Einnahmen abgab. Anna wurde von einem Freier ungewollt schwanger.

Als eine Frauenärztin die Schwangerschaft feststellte, war sie bereits im vierten Monat, zu spät für eine Abtreibung. Anna war verzweifelt.

Ein Kind bedeutete das Aus für ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin und damit den Verlust ihrer Existenzgrundlage.

Auf Anzeige gemeldet

Vor sechs Jahren war Anna, die aus ärmsten dörflichen Verhältnissen stammt, nach Deutschland gekommen. Sie erzählt, dass sie in ihrer Heimat in Fabriken arbeitete, auch für deutsche Firmen. Mit einem Vollzeitjob sei sie auf 150 Euro im Monat gekommen. „Davon kann man auch bei uns nicht leben“, sagt Anna. Und so meldete sie sich auf eine Anzeige einer Landsmännin, die Sexarbeiterinnen für Deutschland rekrutierte.

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Diese Tätigkeit ist jetzt für die junge Mutter passé. Inzwischen sagt Anna, eine orthodoxe Christin: „Es sollte so sein, es war Gottes Wille.“ Ihr fünf Wochen altes Kind heißt Hanna. „Das bedeutet ,Geschenk von Gott‘.“

„Anna ist eine glückliche Mutter“, sagt Gabi Kubik, Sozialarbeiterin beim Streetworkprojekt Sicht-Bar. Sie hilft, wo es geht. Wenn sie Mutter und Kind besucht, bringt sie Windeln und Kinderkleidung mit.

Annas Leben wurde nach dem Entschluss, das Prostituiertenmilieu zu verlassen, nicht leichter. Nach der Geburt war sie mittellos und nicht mehr krankenversichert. Das Jobcenter habe seine Zahlungen eingestellt, erzählt Anna. Sie stehe ja mit Baby dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung.

Völlig mittellos

Ein schwerer Gang durch die Behörden ließ ihre Hoffnung auf ein neues Leben schwinden: Weil Anna und ihr Baby nicht mehr krankenversichert waren, stellte die Hebamme ab Hannas zweiter Lebenswoche ihre Besuche ein. Die Unterhaltsvorschusskasse habe Anna zweimal vor die Tür gesetzt, nachdem sie angegeben hatte, dass es keinen Vater gibt. Von der Kindergeldkasse sei sie weggeschickt worden mit der Aufforderung, einen Dolmetscher mitzubringen. Auch das Jugendamt konnte Anna die benötigte Mutter-Kind-Unterbringung nicht bieten.

Anna lebt mit ihrem Baby in einem heruntergekommenen 15-Quadratmeter-Zimmer in einem Hochhaus im Wesertor: ein Waschbecken, eine Kochgelegenheit. Für Möbel außer einem Bett für sich und das Baby ist kein Platz. Ihre Habseligkeiten bewahrt Anna in Koffern und Einkaufstaschen auf. Auf einem Tischchen liegen wenige persönliche Dinge, Windelpackungen. Mit Heiligenbildern und Kerzen hat sie sich einen kleinen Altar aufgebaut. Die Miete von 310 Euro kann sie seit Monaten nicht mehr zahlen.

Jetzt fand sie in ihrem Briefkasten den erlösenden Brief von Anwältin Kathrin Fuchs, die sich ehrenamtlich im Rahmen der Sozialberatung der Kasseler Linken für sie einsetzt. Darin steht, dass das Jobcenter seine Zahlungen wieder aufnehmen wird.

Von Christina Hein

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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