Immer mehr Angehörige wollen Gestorbenen nah sein - Asche kann auch zum Diamanten verarbeitet werden

Die Mini-Urne fürs Wohnzimmer

Wachsender Wunsch nach persönlicher Trauerbewältigung: Bestatter Dominik Kracheletz hat neben einem Urnen-Sortiment auch Mini-Aufbewahrungsbehältnisse für die Privaträume von Angehörigen im Angebot. Fotos: Herzog

Kassel. „So bin ich meinem Papa für immer ganz nah.“ Anna Limberg (28) nimmt aus den Händen von Dominik Kracheletz behutsam ein Schmuckstück der besonderen Art entgegen: eine silberne Halskette mit glänzendem Anhänger. Die kleine verschraubbare Kapsel ist gefüllt mit etwas Asche ihres kürzlich gestorbenen Vaters.

Anna Limberg legt sich die Kette um den Hals und umschließt die Kapsel fest mit einer Hand. „Plötzlich und unerwartet“ war ihr Vater Jean Limberg im Oktober beim Radfahren gestorben. Er war 59 Jahre alt. Die einzige Tochter regelte als Bestattungspflichtige die Feuer-Bestattung. Die Urne wurde auf dem Westfriedhof beigesetzt.

Ein Teil der Asche aber befindet sich für immer in Annas Nähe. Neben dem Anhänger hat sie bei Bestatter Kracheletz für 180 Euro eine Mini-Urne in Form einer Pyramide in Auftrag gegeben. Auch die ist mit der fünfstelligen Einäscherungsnummer und dem Namen des Vaters beschriftet. Sie soll ihren Platz im Wohnzimmer der sechsköpfigen Familie haben. „Mein Mann findet es gut, wenn ich auf diese Weise meine Trauer verarbeite“, sagt Anna. Außerdem sehe man dem Gefäß nicht mal an, dass es sich um eine Urne handelt. „Mein Papa, davon bin ich überzeugt, hätte es cool gefunden“, sagt sie und lächelt. So sei er immer präsent und sie könne ihn, wenn ihr danach sei, persönlich ansprechen. „Das ist enorm tröstlich.“

Auch die sogenannte Diamant-Bestattung komme zunehmend in Mode, sagt Kracheletz. Bei diesem speziellen Verfahren der Kristallzüchtung werden wenige Hundert Gramm Kremations-Asche von einer Firma in der Schweiz so weit chemisch verdichtet, bis daraus ein synthetischer einkarätiger Diamant geworden ist. Viele Hinterbliebene ließen sich diesen fassen und zu einem Ring verarbeiten. Kosten: 5000 Euro aufwärts. Zurzeit habe Kracheletz drei Diamanten in Auftrag gegeben.

Den Trend zu dieser besonderen „innigen Trauerbewältigung“ beobachtet Kracheletz, der Vorsitzender des hessischen Bestatterverbands ist, seit zwei, drei Jahren. Es vergehe kein Monat, ohne dass Hinterbliebene ihm gegenüber den Wunsch äußerten, etwas Kremations-Asche extra aufbewahren zu dürfen. „Ich musste auch erst überlegen, ob dadurch die Pietät beeinträchtigt sein könnte.“

Bestattungsgesetz

Zwar ist im Hessischen Bestattungsgesetz die Bestattungspflicht festgeschrieben. Die Entnahme von kleinen Mengen Kremations-Asche sei jedoch nicht explizit verboten. Entscheidend sei für ihn die Duldung durch die Kasseler Friedhofsverwaltung. Die bestehe zwar auf einer gesetzeskonformen Beisetzung auf einem Friedhof, respektiere aber den Wunsch von Angehörigen, ein wenig Asche, etwa für eine Mini-Urne, zu entnehmen. Die geschäftsführende Dekanin Barbara Heinrich sagt, sie kenne den Wunsch vieler Menschen, etwas Asche in einer persönlichen Kapsel aufzubewahren. Sie warnt jedoch: „Es muss dringend darüber nachgedacht werden, was mit der Asche geschieht, wenn die Trauerarbeit abgeschlossen ist.“ Welchen Ort finde dann eine Mini-Urne, ohne dass die Würde des Verstorbenen verletzt wird? „Ich befürchte, dass Trauerphasen durch derartige Praktiken eher noch verlängert werden.“

Von Christina Hein und Julian Klagholz

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