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Krieg in der Ukraine: Kasseler Winfried Jacob macht sich „große Sorgen“

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Von: Thomas Siemon

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Winfried Jacob als Soldat 1945.
Erinnerungen an den Krieg: Als junger Soldat kam Winfried Jacob 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. © privat

Der Kasseler Winfried Jacob (96) hat den Zweiten Weltkrieg unter anderem an der Ostfront miterlebt. Wie schätzt er den Krieg gegen die Ukraine ein?

Kassel - Winfried Jacob weiß, was Krieg bedeutet. Im April wird er 96 Jahre alt. Als jugendlicher Flakhelfer hat er in einer Stellung in Waldau den Großangriff während der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 erlebt. Kurze Zeit später ging es zur Kriegsschule und dann an die Ostfront.

„Wenn ich mir heute die Bilder aus der Ukraine ansehe, dann bereitet mir das große Sorgen“, sagt der vielfach interessierte Mann, der seine Erinnerungen im vergangenen Jahr als Buch herausgebracht hat („Man muss das doch alles mal erzählen“).

Politisch informiert ist er seit frühester Jugend. Bereits als 14-Jähriger durfte er seinen Vater zu einem als Heimatverein getarnten Stammtisch in Kassel begleiten, an dem unter anderem der Sozialdemokrat und spätere hessische Ministerpräsident Georg-August Zinn sowie sein Parteifreund Karl Wittrock teilnahmen.

Damals haben die Männer genau analysiert, welche Strategie Hitler verfolgte. „Da sehe ich heute erschreckende Parallelen zu Putin“, sagt Winfried Jacob. 1938 seien deutsche Truppen in Österreich einmarschiert. „Das ist die Blaupause für den Einmarsch russischer Truppen auf der Krim“, sagt Jacob.

Im September 1938 habe es dann die Münchner Konferenz gegeben, bei der die Diktatoren Hitler und Mussolini den britischen Regierungschef Chamberlain und den Franzosen Daladier vorgeführt hätten. Putin habe das mit westlichen Politikern an dem – in allen Medien gezeigten – überlangen Tisch gemacht. Der nächste Schritt damals sei die Abtrennung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei gewesen, bei Putin die Anerkennung und der Einmarsch in die Volksrepubliken Donezk und Luhansk.

Und noch eine Übereinstimmung gebe es. Ziel der Diktatoren Hitler und Mussolini sei die Zerschlagung der Tschechoslowakei gewesen. Putin habe das mit der Ukraine vor und wolle sie in den Vielvölkerstaat Russland eingliedern.

Was die Menschen in der Ukraine jetzt durchmachen müssten, könne er gut nachvollziehen, sagt Winfried Jacob. Als der Reichskriegertag 1939 in Kassel mit einem militärischen Großaufgebot stattfand, war er 13 und musste wenige Jahre später als junger Soldat an der Ostfront kämpfen. 1945 geriet er auf dem Rückzug in russische Kriegsgefangenschaft.

Winfried Jacob
Winfried Jacob © Florian Hagemann

Über Tausende von Kilometern wurde er zusammen mit 60 000 anderen Gefangenen in engen Waggons bis in die Nähe des Polarkreises nördlich von Murmansk verfrachtet. „Es war ein großes Glück, dass ich das Lager überlebt habe“, sagt er. Mit einem Verwundetentransport durfte er Richtung Heimat fahren.

Das war eine der vielen glücklichen Wendungen in seinem Leben. Denn zuvor hatte der Lagerkommandant nach einem Freiwilligen gesucht. Ohne zu wissen, worauf er sich einließ, meldete sich der damals 19-Jährige. Es wurde keine gefährliche Mission. Ganz im Gegenteil. Er sollte eine junge Frau begleiten und mit ihr im Wald nach Material für Reiserbesen suchen. Es war ausgerechnet die Tochter des russischen Lagerkommandanten, die er so kennenlernte und die sich später bei ihrem Vater für ihn einsetzte. So endete für Winfried Jacob 1945 nicht nur der Krieg, sondern auch wenige Monat später die Gefangenschaft.

„Ich habe so viel Tod und Elend gesehen, das reicht“, sagt er. Und erinnert deshalb auch noch an einen weiteren schlimmen Stichtag der Geschichte. Am 31. August 1939 überfielen deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen den Sender Gleiwitz in Schlesien. Das sei der Schlusspunkt mehrerer ähnlicher Aktionen gewesen, die für die Propaganda der Nationalsozialisten genutzt wurden.

Damit habe Hitler den Vorwand gehabt, am 1. September 1939 im Radio zu verkünden, ab 5 Uhr 45 werde zurückgeschossen – der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Appell des 95-jährigen Winfried Jacob: Man müsse jetzt alles dafür tun, dass dies nicht auch noch zur Blaupause für Putin werde. (Thomas Siemon)

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