850 Austritte in zwei Jahren: Katholische Kirche Kassel spricht mit ausgetretenen Mitgliedern

Kirchenaustritte: Missbrauch, Mauern, Rituale

Kassel. Die katholische Kirche kämpft um ihr Image. Im ehemaligen Dekanat Kassel (Kassel, Altkreis und Wolfhager Land) sind seit dem Missbrauchsskandal 850 Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Um mehr über die Beweggründe dieser Menschen zu erfahren, lud die Kirche zu einem Gesprächsabend.

Mehrere Dutzend der Angeschriebenen meldeten sich bei Fischer vorab - am Telefon, in Briefen und E-Mails. Zu der Gesprächsrunde kamen knapp 20 Kasseler, die meist anonym und zum Teil sehr emotional von ihrer Loslösung von der Kirche berichteten.

Dechant Fischer ließ gleich zu Beginn keinen Zweifel daran, dass er an einer wirklichen Aufarbeitung der Probleme interessiert ist: „Unsere Kirche hat in den vergangenen Jahren ein katastrophales öffentliches Bild abgegeben. Ich verstehe uns als zuhörende und lernende Kirche und will nun nach den Motiven für die Austritte fragen.“

Nicht klar gegen Kriege

Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten: „Es freut mich, dass sie den Ausgetretenen mit Wertschätzung begegnen, Herr Fischer. Ihnen nehme ich das auch ab, aber nicht ihren Chefs“, äußerte ein Mann seine Zweifel an den Hintergründen des Gesprächsangebotes. Die katholische Kirche sehe sich angesichts der massenhaften Austritte in Nöten und sei nur deshalb an dem Dialog interessiert.

Kirchliche Symbolik erreicht immer weniger Menschen: Viele Katholiken haben ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Foto: dpa

Neben dem Missbrauchsskandal kritisierte das ehemalige Mitglied eine zu halbherzige Positionierung der Kirche gegen Kriege. Ebenso passe es nicht ins Bild, dass die Kirche mit ihren zahlreichen Banken und Unternehmen zu einem Konzern geworden ist, der am Finanzmarkt mitmischt. Eine Frau beschrieb, wie schwer es ihr fiel, die Kirche zu verlassen. „Es war wie eine Beziehung, die ich beendet habe.“ Dieses Gefühl der Trauer um eine gekappte Bindung konnten viele in der Runde nachvollziehen. Für die Frau waren nicht nachvollziehbare Glaubensgrundsätze wie die Dreifaltigkeit Anlass, die Kirche zu verlassen. „Ich vermisse eine Vermittlung für die heutigen Menschen.“

Für eine Mutter waren es persönliche Erlebnisse, die sie zu der Entscheidung bewegten. Eine befreundete Religionspädagogin wurde von der Kirche entlassen, als sie sich scheiden ließ. Zudem vermisse sie die Offenheit der Amtskirche - etwa gegenüber Homosexualität und Pränataldiagnostik. „Rom hat kein Interesse an mir. Schon gar nicht an mir als Frau. Ich bin gerade gut genug für’s Kuchenbacken beim Pfarrfest.“

Eine Hebamme schilderte aus ihrem Beruf und ihren Beobachtungen vom Zerfall der Familien. „Es gibt aktuell viele Veränderungen in der Gesellschaft, zu denen die Kirche schweigt.“

Einig war sich die Gesprächsrunde darüber, dass Glaube auch ohne Kirche möglich ist. Eine Frau erzählte von ihrer Emanzipation von der Kirche, die sie als mächtige Institution wahrgenommen habe, vor der sie lange allzu ehrfürchtig gewesen sei. „Irgendwann habe ich gemerkt, ich brauche weder die Kirche noch die immergleichen Rituale - knien, aufstehen.“ Die Kirche solle in diesem Sinne Aufklärung betreiben und ihren Mitgliedern die Botschaft senden: „Glaube an dich selbst.“ Stattdessen mache sie ihren Mitgliedern weis, dass Gott auf sie aufpasse und der Priester sich kümmere.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund

Weniger Austritte als im Bistum Fulda Beim Mitgliederschwund steht die Katholische Kirche in Kassel im Vergleich mit anderen Dekanaten noch relativ gut da. Seit Anfang 2010, als der Missbrauchsskandal öffentlich wurde, haben 850 Katholiken im Bereich des ehemaligen Dekanats Kassel (Kassel, Altkreis und Wolfhager Land) die Kirche verlassen. Damit sind dort die Austrittszahlen im Vergleich zu den Vorjahren um etwa ein Fünftel gestiegen. Innerhalb des Bistums Fulda lag der prozentuale Anstieg der Austritte mit über 40 Prozent doppelt so hoch wie im früheren Dekanat Kassel, das inzwischen zum Dekanat Kassel-Hofgeismar wurde. Dechant Fischer erklärt sich dies mit der offenen Diskussion in Kassel. Zu seinem Dekanat gehören 60 000 Katholiken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.