Klinikum Kassel unterstützt andere Krankenhäuser per Tablet

Kasseler Ärzte nutzen Tele-Medizin-App

Prof. Dr. Ralf Muellenbach
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Prof. Dr. Ralf Muellenbach

Kassel/Korbach – Krankenhäuser in Hessen sollen sich künftig einfacher vernetzen können, um die intensivmedizinische Versorgung sicherzustellen. So tritt an die Stelle händisch ausgefüllter Anamnesebögen und langer Telefonate jetzt die Telecovid-Hessen-App, mit der Ärzte interdisziplinär über Behandlung und Verlegung von Patienten beraten können.

Ein Beispiel. Ein 55 Jahre alter Mann wird am 20. Februar mit fieberhaftem Infekt in das Stadtkrankenhaus Korbach eingeliefert. Es stellt sich heraus: Er hat Covid-19, muss im Wachzustand über eine Maske auf der Intensivstation beatmet werden. Schnell verschlechtert sich sein Zustand, und die Frage nach einer künstlichen Beatmung steht im Raum. Soll ein Beatmungsschlauch über Mund oder Nase in seine Luftröhre verlegt werden?

Der Korbacher Chefarzt für Kardiologie Serguei Korboukov nimmt am 23. Februar ratsuchend Kontakt zu den Kollegen im Klinikum Kassel auf, schickt ihnen über ein Tablet alle Befunde, die sie brauchen, um sich zügig ein Bild von der Situation des Patienten zu machen. Per Videochat nimmt er die Kasseler Kollegen mit ans Krankenbett, lässt ihn an den dynamischen Bildschirmen und am Zustand des Patienten teilhaben.

„Ist er blass? Atmet er ruhig oder muss sich anstrengen? Wie ist seine Herz-Kreislauf-Funktion? – wir machten uns selbst ein Bild von dem Patienten, erläutert Prof. Dr. Ralf Michael Muellenbach, Chefarzt der Anästhesiologie und Intensivmedizin, der das Projekt leitet.

Gemeinsam entscheidet man sich gegen die invasive Beatmung des Patienten, die Entzündungsreaktion des Körpers wird begleitend therapiert. Da der Patient mit sehr hohen Sauerstoffkonzentrationen beatmet werden muss, wird er an das Ecmo-Zentrum des Klinikums Kassel verlegt, denn in Korbach hätte man ihn so nicht behandeln können.

„Wir wollen für jeden Patienten den besten Behandlungsweg finden“, sagt Dr. Michael Tübben, Chefarzt der Anästhesiologie in Korbach. Mithilfe der Telecovid-Hessen-App könne man sich darüber schnell und ausführlich austauschen. Der ohnehin praktizierte Weg der Vernetzung zwischen den Krankenhäusern werde so deutlich erleichtert. Weiterer Vorteil: Habe ein Krankenhaus keine Kapazitäten, den Patienten aufzunehmen, können seine Befunde als Datenpaket an ein anderes Krankenhaus im Versorgungsgebiet weitergeleitet werden.

Hervorgebracht hat die App die Pandemie, sagt Muellenbach. Ihren Einsatz würde er sich künftig auch in intensivmedizinischen Bereichen jenseits der Covid-Versorgung wünschen. „In Sachen Digitalisierung liegt Deutschland sehr zurück. Vor allem im Krankenhaus ist noch nicht viel angekommen.“ So werden etwa bislang nicht alle Kurven digital geführt, sondern bei Bedarf gefaxt oder eingescannt. Mit der App könne man Befunde verschlüsselt und geschützt übertragen, oder sich per Videotelefonie direkt am Krankenbett kollegial austauschen.

Acht Patienten seien bereits über die Covid-App versorgt worden. Der 55-jährige Mann war der erste Patient. Er wurde nach einer Woche Intensivtherapie in Kassel wieder nach Korbach verlegt – erst auf die Intensivstation, bereits ohne Beatmung, dann auf die Normalstation. Mittlerweile wurde er entlassen.

Hintergrund: Hessen ist in sechs Versorgungszentren aufgeteilt, die jeweils ein koordinierendes Krankenhaus haben. Für die 36 Häuser des Versorgungsbietes 1 Kassel ist dies das Klinikum Kassel als Maximalversorger. Insgesamt wirken 15 Häuser des Gebiets an der Covid-Versorgung mit. Ziel des Projekts Telecovid Hessen ist insbesondere die Stärkung der Standorte in der ländlichen Region mit eher kleineren Intensivkapazitäten.

Das Land stellt jedem an der intensivmedizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten beteiligten Krankenhaus zwei Tablets mit der vom Würzburger Innovationslabor Awesome Technologies entwickelten Telecovid-Hessen-App und trägt bis Ende dieses Jahres die Kosten für die technische Infrastruktur. Bis September wird zudem eine Entschädigung für die vor Ort anfallenden Kosten gezahlt. Die landesweite Einführung der App kostet das Land rund 780 000 Euro. Nach Ablauf der Förderung durch das Land will das Hessische Ministerium für Soziales „das Projekt in die Regelstruktur integrieren und eine Refinanzierung sichern“.

Von Anna Lischper

Das zeigt die App: CT-Aufnahme einer schwer mit SARS-CoV-2 befallenen Lunge.

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