Sven Krolczik setzt auf alte Technik

Tag des Handwerks: Kasseler Maßschneider näht mit der Hand

Maßschneider Sven Krolczik aus Kassel mit Werkstücken, mit der Hand genähte Sakkos.
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Sven Krolczik mit Werkstücken: In seinem kleinen Atelier fertigt der Schneider aus Leidenschaft hochwertige, von Hand genähte Maßanzüge und andere Unikate für jeden Anlass an.

Dieser Maßschneider aus Kassel ist etwas Besonderes: Sven Krolczik näht alles mit der Hand.

Kassel - Auf dem Arbeitstisch liegen Schnittvorlagen aus Karton, Scheren in unterschiedlichen Größen und verschiedene Fingerhüte. Unter dem Tisch stapeln sich Ballen mit kostbarem Stoff: Tweed in erdigen Farben, dunkelblauer Mohair.

Der Maßschneider, der sich hier 2019 sein Atelier eingerichtet hat, Sven Krolczik (37), ist gerade damit beschäftigt, sein Nähgarn, Fäden aus feiner Seide, zu wachsen. Dazu zieht er einen Faden durch einen Block mit Bienenwachs, legt ihn anschließend zwischen Baumwolltücher und erhitzt ihn mit einem Bügeleisen. Faden und Wachs verbinden sich. Es entsteht die gewünschte Elastizität und Robustheit, die Krolczik für seine Nähte benötigt.

Nichts in der Stille dieser Werkstatt erinnert ans 21. Jahrhundert. In der Ecke eine Pfaff-Nähmaschine aus den 1950er-Jahren. „Und die benutze ich nicht einmal“, sagt Krolczik: „Ich nähe ausschließlich mit der Hand.“

An einem Anzug, der vom Maßnehmen bis zum angenähten Knopf zu 100 Prozent Handarbeit ist, arbeitet er gut und gerne 100 Stunden. Der Kunde muss dafür 3000 Euro aufwärts bezahlen. Zuzüglich den Preis für den Stoff.

Wichtiges Utensil: Mit Fingerhut näht Sven Krolczik hier am formgebenden Unterkragen für ein Sakko.

Mit seinem Profil dürfte Sven Krolczik nicht nur einzigartig unter den 126 Maßschneidern in der Stadt und dem Landkreis sein, sondern in der Republik nach seinesgleichen suchen. Was ihn außerdem von anderen unterscheidet: Er ist – unfreiwillig – Autodidakt. „Ich habe einfach keinen Ausbildungsplatz gefunden.“ Und so habe er vor der Handwerkskammer ausnahmsweise seine Prüfung nach einem Selbststudium ohne Lehrmeister ablegen dürfen. Die Prüfer, so erinnert sich Krolczik, waren von seinem altmodischen Wissen und Können angetan.

Zum Beruf habe ihn eine Liebhaberei gebracht. Als Student – Krolczik hat in Kassel freie Kunst sowie Gymnasiallehramt für Kunst und Englisch studiert – nähte er sich zum Spaß seine Kleidung selbst. „Erst war sie leger, dann wurde sie immer klassischer.“ Auf Flohmärkten und in Antiquariaten entwickelte er eine Leidenschaft für Lehrbücher und Schnittmuster, die gerne schon mal hundert Jahre und älter sein durften. Seitdem brennt er für althergebrachte Techniken – Dressieren, Rollen, Pikieren –, die, wie er findet, an ihrer Praktikabilität nichts eingebüßt haben. Im Gegenteil. Sie benötigen nur Zeit. Und die nimmt sich Sven Krolczik.

Seine Kunden – aus ganz Deutschland – kommen drei bis viermal zur Anprobe in die Elfbuchenstraße. „Jedes Mal wird das zusammengeheftete Stück neu angepasst. „Es soll wie eine zweite Haut sitzen.“ Krolcziks großzügige Nahtzugabe ermöglicht, dass noch nach Jahren eine Anpassung bis zu zwei Konfektionsgrößen möglich ist. Er nennt das „alltagstauglich“.

Wertvolle alte Lehrbücher: Aus antiquarischen Büchern eignet sich der Schneider seine Techniken an.

Naturgemäß ist der Hersteller von Unikaten aufgeschlossen für die individuellen Wünsche seiner Kunden. Auch für den eines Jägers, der sich aus dem geerbten Nerzmantel seiner Mutter eine gefütterte Weste fürs Ansitzen auf dem Hochstand nähen ließ. „Ich wusste, wie emotional dieser Auftrag war, deshalb war ich beim Zuschneiden ziemlich nervös.“

Weil sich Sven Krolczik mit seiner Frau die Betreuung ihrer beiden Kinder teilt, arbeitet er halbe Tage. So oder so werde er mit der Schneiderei nicht reich, sagt er. Zudem hat ihn Corona schwer gebeutelt.

Als Handwerker durfte er ja im Lockdown arbeiten und bekam keine staatliche Unterstützung. Aber seine wichtigste Einnahmequelle, Hochzeits- und andere Festtagsanzüge, war komplett weggebrochen. Die meisten Aufträge wurden storniert. Zum Glück sei sein Beruf eine „Herzenssache“, und die gebe er so schnell nicht auf. (Christina Hein)

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