Freitag findet 100. Critical-Mass-Veranstaltung statt

Radfahren bei der Critical Mass: „Der Anfang vom Ende der Autostadt Kassel“

So sieht es jeden letzten Freitag im Monat vor dem Fridericianum in Kassel aus: Hier treffen sich die Teilnehmer der Critical-Mass-Rundfahrt. Morgen ab 18 Uhr findet sie zum 100. Mal statt.
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So sieht es jeden letzten Freitag im Monat vor dem Kasseler Fridericianum aus: Hier treffen sich die Teilnehmer der Critical-Mass-Rundfahrt. Am Freitag ab 18 Uhr findet sie zum 100. Mal statt.

Mit der Critical-Mass-Rundfahrt begann 2013 ein neues Verkehrs-Zeitalter in Kassel. So sehen es zumindest die Radfahr-Pioniere, die die Verkehrswende mit angestoßen haben.

Kassel – An diesem Freitag treffen sich Radfahrer in Kassel zur 100. Critical-Mass-Veranstaltung. Seit 2013 gibt es die Rundfahrt in Nordhessen, bei der die Teilnehmer durch die Stadt fahren, um zu zeigen, dass sie sich als „kritische Masse“ (Critical Mass) nicht mehr an den Rand drängen lassen. Erfunden wurde die Bewegung bereits 1992 in San Francisco. Über die Veranstaltung, die jeden letzten Freitag im Monat stattfindet, sprachen wir mit Radfahr-Aktivist Gregor Anselmann.

Wie chaotisch war die erste Kasseler Critical Mass, die Sie organisiert haben?
Gar nicht. Das war am 21. Juni 2013 während des Hessentags. Bereits vorher hatte es Versuche gegeben, eine Critical Mass zu veranstalten. Die sind aber alle gescheitert, da nur sehr wenige kamen und die Polizei die Rundfahrt jedes Mal unter einem Vorwand unterbunden hat. Zum Hessentag habe ich versucht, das größer aufzuziehen. Ich habe in der Kultur- und Gastroszene, an großen Fahrradstellplätzen und in Kirchengemeinden viel Werbung gemacht. Es kamen sensationellerweise tatsächlich mehr als 400 Menschen. Bezogen auf die Einwohnerzahl Kassels war das gleich die größte Critical Mass Deutschlands. Das war ein krass euphorisierendes Erlebnis. Ich wusste: Das ist der Anfang vom Ende der Autostadt Kassel und der erste Schritt zu einer menschengerechten Stadt.
Die Critical Mass gibt es, weil laut Straßenverkehrsordnung Gruppen ab 16 Teilnehmern nebeneinander fahren dürfen. Sie sind dann ein Verbund. Die letzten dürfen auch bei Rot über Kreuzungen fahren. Viele wissen das nicht. Wie haben vor allem in den Anfangsjahren Autofahrer reagiert?
Anfangs waren sie natürlich irritiert. Und ab und an sind auch mal Autofahrer langsam in die Gruppe gefahren, allerdings ohne dass es zu Verletzungen gekommen wäre. Wir haben einen Leitfaden erstellt, wie man Kreuzungen mit Rädern richtig blockiert. Corken heißt das. Und wir haben Flyer für Autofahrer erstellt, auf denen wir das Ganze erklärt haben. Sobald sie sich wahrgenommen fühlten, gab es viele positive Reaktionen.
Wie viele nehmen mittlerweile jeden letzten Freitag im Monat teil?
Wenn wir keine größere Werbung machen, sind es im Schnitt etwa 250 Teilnehmer. Zum Klima-Ultimatum 2019 waren es sogar 900. Da erstreckte sich die Critical Mass über die gesamte Länge der Holländischen Straße in beiden Richtungen. In der Pandemie konnte allerdings lange keine Critical Mass stattfinden.
Sie stammen aus Kassel, haben in Berlin und Frankfurt gelebt und waren schockiert, als sie in die Heimat zurückkehrten, weil es kaum Radwege gab. Ist Kassel nun eine Fahrradstadt geworden?
Nein. Das ist Kassel erst, wenn jeder jederzeit überall sicher mit dem Rad hinfahren kann. Wer lässt sein sechsjähriges Kind denn jetzt allein losradeln? Dafür fehlen fast überall vom Autoverkehr baulich getrennte, lückenlose Radwege. Und selbst dort, wo Fahrradstraßen eingerichtet werden, wie nun in der Goethestraße, bleibt die Situation sehr gefährlich, weil man das Querparken nicht abgeschafft hat und man versäumt hat, den Kfz-Durchgangsverkehr zu begrenzen. Von der Kölnischen Straße, wo der Schutzstreifen so schmal ist, dass kein Auto den Sicherheitsabstand beim Überholen einhalten kann, will ich gar nicht reden.
Trotzdem fahren mittlerweile viel mehr Menschen mit dem Rad als 2013.
Ja, der Radverkehr hat heute einen viel größeren Stellenwert. Wenn ich 2013 durch das Königstor gefahren bin, hatte ich das Gefühl, ich würde jeden anderen Radfahrer persönlich kennen. Das ist heute ganz anders und liegt auch an Initiativen wie Next Kassel, dem Radentscheid und der Ausstellung „Fahr Rad!“ vor zwei Jahren in der documenta-Halle. Mittlerweile gibt es im Stadtparlament eine Zwei-Drittel-Mehrheit für Parteien, die sich den Radverkehr auf die Fahne geschrieben haben. Und im Klimaschutzrat haben sich die Vertreter der Stadtgesellschaft einstimmig für die Verkehrswende ausgesprochen. Dass der Radverkehr so an Bedeutung gewonnen hat, ist für mich ein wahr gewordener Traum. Die Verkehrswende ist in den Köpfen angekommen – jetzt muss sie auf die Straße gebracht werden.
Mittlerweile gibt es viele Rad-Demos. Was ist das Besondere an der Critical Mass?
Dass es so viele Rad-Demos gibt, liegt auch an Corona. So lässt sich der Abstand einhalten. Das Besondere an der Critical Mass ist, dass sie eigentlich keine Demo ist, sondern eine gemeinschaftliche Teilnahme am Straßenverkehr. Alles passiert spontan. Wer vorn ist, der bestimmt den Weg. Während Corona müssen wir die Rundfahrt jedoch als Versammlung anmelden. Sonst dürften wir gar nicht fahren. Darum gibt es am Freitag auch eine feste Route. In der Vergangenheit haben sich viele Teilnehmer bei der Critical Mass zum ersten Mal auf eine der großen und viel befahrenen Straßen getraut. Zwei Stunden lang haben sie erlebt, wie entspannt und sicher das Radfahren in Zukunft sein kann. Ich hoffe, dass die Critical Mass eines Tages überflüssig ist, weil man dann nicht nur zwei Stunden im Monat, sondern jederzeit sicher und angenehm überall hinradeln kann.
Sie haben weder Führerschein noch ein Auto. Können Sie Autofahrer verstehen, die verärgert sind, dass Ihnen nun Platz weggenommen werden soll?
Autofahrer kommen nicht als Autofahrer auf die Welt. Sie haben sich nur an eine Infrastruktur gewöhnt, die das Auto stark bevorzugt. Es ist schwer, Gewohnheiten zu ändern. Und ich kann nachvollziehen, dass es ärgerlich ist, wenn man schnell irgendwohin kommen will, das aber nicht klappt. Viele fahren ja auch nicht freiwillig Auto, sondern sind durch einen Mangel an Alternativen dazu gezwungen. Es hat sich immer wieder gezeigt: Sobald man den Menschen direkte, lückenlose und sichere Radwege bietet, nutzen sie diese auch. Es ist einfach viel schneller, gesünder und billiger. Und natürlich klimaneutral. Und die Stadt gewinnt eine viel höhere Lebensqualität, wenn die Straßen und Plätze nicht mehr vor allem Asphaltwüsten für stehende und fahrende Autos sind, sondern schöne Orte für Menschen. Dann kann man sich dort unterhalten, gemeinsam essen und trinken, die Kinder können gefahrlos spielen. Viele Kasseler kennen das nur aus dem Urlaub – aber wir können es auch in Kassel so schön haben. Mit weniger Autos hätten alle gewonnen.

Die 100. Critical Mass startet am Freitag, 18 Uhr, am Fridericianum und soll an der Buga enden.

(Matthias Lohr)

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