Staunen über Weggespültes

Mitarbeiter des Klärwerks: "Montags riecht es anders"

Mehrere Tonnen täglich: Aus Kassels Abwasser wird im Klärwerk der Müll gefischt. Laut Dr. Ulrich Hartmann (Foto) längst nicht nur Klopapier. Foto: Ludwig

Kassel. Die 35 Mitarbeiter, die beim städtischen Eigenbetrieb Kasselwasser die Abwasserkanäle überprüfen, sind einige Anblicke und Gerüche gewohnt. Manchmal sind aber selbst sie überrascht.

„Meine Kollegen haben in einem Kanal schon Einzelteile eines Motorrads gefunden“, erzählt Tobias Rottmann, der für Kasselwasser die Kanaluntersuchungen koordiniert. Aber auch Tierkadaver, Kanthölzer und Holzpaletten gehörten zu den unerwünschten Funden.

Während solche Entsorgungen über das WC bei Kasselwasser für verstopfte Kanäle, Pumpen und Rechenanlagen sorgten, würden sich die Verursacher häufig selbst schaden, ergänzt sein Kollege Arno Bauer. Denn für Rohrverstopfungen auf dem Grundstück seien die Eigentümer verantwortlich - und diese Kanäle hätten einen kleineren Durchmesser als die zum Teil mannshohen, die in der Straße verlaufen.

Tobias Rottmann

Das Abwasser werde von vielen mit dem Mülleimer verwechselt, sagt Dr. Ulrich Hartmann, der bei Kasselwasser für die Abwasserberatung zuständig ist. Obwohl seit Jahren mit Informationsarbeit versucht werde, die Abfallmenge im Abwasser zu reduzieren, gelinge dies nicht. Immer wieder gebe es Anfragen zur Installation von Abfallzerkleinerern unter der Spüle - diese seien aber in Kassel verboten. Denn mehr Lebensmittelreste im Kanal sorgten für mehr Ratten. Eine Plage gebe es in Kassel derzeit nicht, auch weil eine permanente Bekämpfung durch Kasselwasser stattfinde.

60 Mio. Liter Abwasser (bei Regen bis zu 200 Mio. Liter) werden täglich im Klärwerk an der Gartenstraße (Wesertor) gereinigt. Neben Kassel lassen auch Vellmar und Kaufungen dort ihr Schmutzwasser behandeln. Der rausgefischte Abfall wird im Müllheizkraftwerk verbrannt, Sand und Kies werden auf Deponien gebracht.

Arno Bauer

Während etwa Motorradteile im Abwasser die Mitarbeiter der Kläranlage noch staunen lassen, tut es der Geruch auf der Anlage nicht mehr. Langjährige Kollegen sind sogar in der Lage, den Wochentag zu erschnuppern. „Montags riecht es anders“, erzählt Dr. Hartmann. Dies habe wohl mit einem veränderten Koch- und Waschverhalten am Wochenende zu tun. Eine andere Theorie laute, dass sich auch der Bierkonsum auswirke.

Das gehört nicht in Klo und Spüle:

Medikamente

Abgelaufene Arzneimittel gehören nicht ins WC. Viele Wirkstoffe werden nur langsam biologisch abgebaut. Dazu zählen Östrogen (Antibabypille) und Diclofenac (Schmerzmittel). Das Klärwerk kann sie nicht herausfiltern - dafür wäre eine teure vierte Reinigungsstufe nötig. Da das gereinigte Abwasser in die Fulda eingeleitet wird, gelangen auch die Wirkstoffe dorthin. Östrogen etwa beeinflusst die Fische - sie kriegen zu wenige Männchen. Alte Arznei kann bei Apotheken abgegeben werden.

Speisereste und Öle

Öle und Fette (etwa aus der Bratpfanne) sollten nicht in die Spüle gegossen, sondern mit einem Tuch aufgenommen und in den Hausmüll geworfen werden. Denn in der Kanalisation erhärten sie und setzen die Rohre zu. Auch Speisereste sollen nicht in die Spüle, weil sich dadurch die Ratten vermehren.

Farben und Lacke

Farben, Lacke, Pinselreiniger, Lösemittel und Chemikalien sind Sonderabfall und können bei den Stadtreinigern abgegeben werden. Das Pinselwasser von wasserlöslichen Farben darf in die Toilette. Leere, ausgetrocknete Eimer mit Wandfarbe dürfen in den Hausmüll.

Kleintierstreu

Katzen- und Kleintierstreu dürfen nicht in die Toilette, sondern müssen in den Restmüll. Katzenstreu etwa schwemmt im Kanal auf und setzt diesen zu.

Hygieneartikel

Tampons, Binden, Windeln, Ohrstäbchen und Kondome gehören in den Restmüll. Im Kanal sorgen sie für Verstopfung. (bal)

Von Bastian Ludwig

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