Mitarbeiter der Post protestierten ganz leise

Verdis stummer Streik

126 Brief- und Paketzusteller haben am Hintereingang der Kasseler Hauptpost demonstriert. Die Mitarbeiter, die bei Verdi organisiert sind, waren dabei auffällig leise. Foto: Fischer

Kassel. Dienstagmorgen, kurz vor acht am Hintereingang der Kasseler Hauptpost: 126 Brief- und Paketzusteller stehen mit dem Gesicht in Richtung ihres Arbeitgebers und streiken.

Es ist kein normaler Streik: Keine Pfiffe, keine Ansagen aus Megaphonen. Nur Männer und Frauen mit Verdi-Fahnen und Schildern.

Keiner hier will seinen Namen in der Zeitung sehen. Als Begründung fallen Begriffe wie Abschussliste und Repressalien. Als ein Neuankömmling ein paar andere überschwänglich begrüßt, wird er ermahnt: „Die stehen da und du machst hier eine Welle“. Die, das sind zwei Post-Mitarbeiter in Business-Kleidung auf der anderen Straßenseite, deren Augen aufmerksam registrieren, was die Streikenden tun. Es geht um Präsenz, hier wie dort.

Am Montag noch war bekannt geworden, dass Post und Verdi wieder verhandeln wollen, an ein gutes Ergebnis glaubt hier aber niemand. Das Problem sind die Delivery-GmbHs. Tochterfirmen, an die nach und nach Zustellbezirke vergeben werden. Ursprünglich war vereinbart, nicht mehr als 990 Bezirke auszulagern, mittlerweile sind es fast 7000.

„Ich will nur in meinem Job arbeiten, bis ich alt bin“, sagt einer der Männer. Das könne nicht zu viel verlangt sein. Er will anderen durch den Streik nichts Böses tun, aber „ich möchte hier einfach stehen, um ein Zeichen in Richtung Arbeitgeber zu setzen“.

Auf einem gelben Schild in der Menge steht: Elftes Gebot: Du sollst nicht Streik brechen. Der Vorwurf: In Kassel werden beamtete Briefträger eingesetzt, um Post auszutragen. Diese Praxis bestätigt Postsprecher Alexander Böhm: „Wenn von zwei Zustellbezirken in einem nicht gestreikt wird, werden die dortigen beamteten Mitarbeiter gefragt, ob sie helfen wollen“. Das geschehe aber freiwillig, sagt er. Diese Praxis ist durchaus umstritten, denn der damals noch staatlichen Post sollte durch Beamte gegenüber normalen Unternehmen kein Vorteil entstehen. Jetzt ist das offenbar anders.

Als aktive Briefträger das graue Gebäude verlassen, werden sie von den Streikenden freundlich begrüßt. Anders ist das, als ein DHL-Laster vom Gelände eilt und dabei fast durch eine geschlossene Schranke fährt. Hohngelächter macht sich breit. Vermutlich der Aushilfsfahrer einer Tochterfirma, von der sich die DHL-Mitarbeiter zunehmend ausgegrenzt fühlen. Ein Mitarbeiter sagt, dass eine Halle des Paketzentrums Waldau durch ein Klebeband am Boden DHL- und Mitarbeiter der Tochterfirma trennt. „Wir nennen das die Todeszone“, sagt er. Früher habe man sich gut verstanden, jetzt käme sofort eine Führungskraft, sobald man mit diesen Kollegen zusammenstehe. Postsprecher Böhm weiß nichts von diesem Klebeband.

Nach anderthalb Stunden löst sich der Protest auf. Einer sagt: Mit zwanzig Leuten streikt es sich nicht mehr gut. Es endet mit einem bescheidenen Pfiff aus der Trillerpfeife.

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