Frau wehrt sich vor dem Arbeitsgericht

Elf Abmahnungen: Mitarbeiterin des CVJM-Gesamtverbands fühlt sich gemobbt

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Hinter der Fassade des CVJM-Gesamtverbands im Druseltal ist eine Auseinandersetzung zwischen einer Mitarbeiterin und der Geschäftsführung entbrannt.

Kassel. Es sei das erste Mal in 25 Jahren, dass der CVJM vor dem Arbeitsgericht erscheinen müsse, stellte Matthias Ruf, Geschäftsführer des CVJM-Gesamtverbands mit Sitz in Kassel, während des Gütetermins im Gericht am Ständeplatz klar.

Der den christlichen Jugendverband vertretende Anwalt Oliver Stier fügte hinzu: „Der CVJM ist kein Streithammel.“

Das sehen die jugendpolitische Referentin des Verbands, Sigrid Müller (55), und ihre Anwältin Dr. Kerstin Rudolph anders: Müller hat jetzt Klage eingereicht gegen ihren Arbeitgeber, für den sie seit September 1992, immerhin seit 21 Jahren, tätig ist.

In den insgesamt elf Abmahnungen, die Müller zu Beginn des Jahres innerhalb nur eines Monats erhielt, sieht Anwältin Rudolph ganz klar den Versuch, Müller zu mobben und aus dem Job zu drängen. Umso mehr, als vier Abmahnungen umgehend auf Müllers Schreibtisch landeten, nachdem sie am 10. Januar ein Angebot ihres Arbeitgebers ausgeschlagen hatte, das Arbeitsverhältnis einvernehmlich zu lösen.

Es folgte Abmahnung auf Abmahnung. Genannt wurden vermeintliche Verfehlungen wie zehnminütiges Zuspätkommen und einmal auch „Einschlafen während einer Konferenz“. Auch wurde der CVJM-Referentin vorgeworfen, dass sie eine Reisekostenabrechnung – die allerdings ihre eigenen Spesen betraf – nach Monaten nicht abgegeben hatte. „Es sind aus meiner Sicht nicht die gravierendsten Vorfälle“, rekapitulierte Richter Wolfgang Leinweber. Er sprach von „Kanonen, die auf Spatzen abgefeuert“ wurden. Den Fall von elf Abmahnungen in vier Wochen habe er in 25 Jahren am Arbeitsgericht nicht erlebt.

An Sigrid Müller gehen die Attacken durch ihren Chef indes nicht spurlos vorbei. Sie ist inzwischen krank geschrieben und befindet sich in therapeutischer Behandlung.

Zu Beginn der Verhandlung gab Leinweber - vor allem an die im Saal anwesenden Schüler gerichtet – Erläuterungen zum Thema ab: Mit einer ausgesprochenen Abmahnung mache ein Arbeitgeber von seinem Gläubigerrecht Gebrauch. Sie entfalte ihre Wirkung aber erst bei einer Kündigung. Werde eine Abmahnung aus einer Personalakte entfernt, könne sie jedoch hierfür nicht mehr herangezogen werden. Leinweber betonte, dass es bei einer Abmahnung nicht darum gehe, einen Arbeitnehmer abzustrafen, sondern darauf hinzuwirken, dass sich dieser in Zukunft vertragsgemäß verhalte.

Während des Gütetermins stellte Leinweber fest: „Die eine oder andere der elf Abmahnung ist so nicht zulässig oder zu vage.“ Da das ganze „kein streitiges Verfahren“ sei, war eine gütliche Einigung angestrebt. Dazu kam es nicht, sodass im September die Kammer entscheidet.

Von Christina Hein

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