Die Kasseler Königsstraße war schwarz vor Menschen

30 Jahre Grenzöffnung: Zeitzeugen aus Kassel erinnern sich

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Die volle Königsstraße.

80.000 Mark Begrüßungsgeld in einer Plastiktüte, Übernachtungen im Bunker und jede Menge Menschen auf der Königsstraße: Zeitzeugen der Grenzöffnung erinnern sich.

30 Jahre nach der Grenzöffnung haben wir uns mit ehemaligen Kasseler Feuerwehrleuten und zwei ehrenamtlichen Helferinnen von damals getroffen. Sie waren am ersten Wochenende nach dem 9. November in Kassel mittendrin im Ausnahmezustand.

Der erste Trabi

Es blieb nach der Grenzöffnung noch ein paar Stunden ruhig, aber am frühen Freitagmorgen wurde der erste Trabi in Kassel gesichtet. Das war am 10. November um 3.20 Uhr – ausgerechnet am Platz der Deutschen Einheit. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis der erste große Besucheransturm aus dem Osten Kassel erreichte. Wie viele Menschen kommen würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Mit den Einkäufen zurück zum Trabi: Das Foto entstand kurz nach der Grenzöffnung in Kassel. 

Der Begrüßungsbus

Am Kasseler Hauptbahnhof fährt eine Art Begrüßungsbus der Kasseler Berufsfeuerwehr vor. Der verfügt über eine Teeküche, einen Funkraum und einen Besprechungsraum. Hier soll das Begrüßungsgeld von den Feuerwehrleuten Gerhard Wasmann, Kuno Zindel und Bernd Schroller ausgezahlt werden. Um 14 Uhr kommt der Anruf aus dem Kasseler Rathaus, dass die Vorbereitungen dafür beginnen. 

Wenig später macht sich Feuerwehrmann Hartmut Nolde auf den Weg zum Rathaus. Er fährt mit dem Auto in den Innenhof und geht wie besprochen in Richtung Kämmerei. Dort erwartet ihn Rolf Hedderich, der Mann mit dem Bargeld.

Der Geldtransport

80.000 Mark in Scheinen soll Feuerwehrmann Hartmut Nolde mitnehmen. Keiner der Beteiligten hat mit einem solchen Geldtransport Erfahrung. Einen Koffer gibt es jedenfalls nicht. Die Lösung ist – sagen wir mal – unkonventionell. „Wir haben die Scheine einfach in eine Edeka-Plastiktüte gepackt“, sagt Hartmut Nolde. 

Mit dieser Tüte und einem leicht mulmigen Gefühl hat er das Geld aus dem Rathaus getragen. „Über die Haupttreppe, die Hintereingänge zum Innenhof waren am Freitagnachmittag schon zu“, erinnert er sich.

Die ersten Kontakte

Und dann kamen die Menschen aus Eisenach, Mühlhausen, Erfurt, Arnstadt, Treffurt und aus vielen anderen mehr oder weniger grenznahen Orten. Wer in Kassel übernachten wollte, konnte das gratis im komplett ausgestatteten Bunker vor dem Hauptbahnhof machen. Hier halfen Berta Reiß und Ursula Damm als Ehrenamtliche beim Roten Kreuz. Drei Tage lang waren sie nur zum Schlafen und Duschen zu Hause. „Wir waren zwar völlig geschafft, aber die Stimmung war unglaublich“, sagt Ursula Damm. 

So viele glückliche, staunende und dankbare Menschen habe sie nie wieder gesehen. Eine junge Familie aus Eisenach, die zu den ersten gehörte, ist den Frauen in Erinnerung geblieben. Die Kinder wollten einmal zu McDonald‘s, die Eltern hatten aber noch kein Begrüßungsgeld. Da haben die Helfer schnell zusammengelegt.

Der Samstag

Am frühen Samstagmorgen kam die Nachricht, dass die Feuerwehr im Kasseler Rathaus gebraucht wird. „Bei uns gehört es ja zum Berufsbild, dass wir schnell reagieren“, sagt Gerd Pasche, der damals diensthabender Einsatzleiter war. Schon vor dem Morgengrauen waren Tausende von Menschen auf dem Weg in die Kasseler Innenstadt. Die erste Station für viele: das Rathaus. Hier konnte man sich 100 Mark Begrüßungsgeld abholen. 

„Ich war um sechs Uhr vor Ort, als ich um halb neun zum ersten Mal aus einem Fenster Richtung Königsstraße geschaut habe, traute ich meinen Augen nicht“, sagt Feuerwehrmann Gerhard Wasmann. Die Fußgängerzone sei schwarz vor Menschen gewesen.

Die Ansprache

Später am Vormittag trat dann Kassels Oberbürgermeister Hans Eichel vor das Rathaus. Über ein Megafon begrüßte er die freudetrunkenen Menschenmassen. Geschätzt 20.000 waren es, die ihm vor, auf und neben der Rathaustreppe zuhörten. Alle freuten sie sich auf das Begrüßungsgeld.

Die Geldvorräte der Kasseler Sparkasse waren bald aufgebraucht. Die großen Kaufhäuser wie Karstadt und der Kaufhof halfen mit Bargeld aus. Wer zu spät kam, stand allerdings vor verschlossenen Türen. Samstagsnachmittags hatten die Geschäfte damals geschlossen. Nur wenige machten länger auf. Am Sonntag gab es auch nur vereinzelt Einkaufsmöglichkeiten.

Erste Hilfe und Korn

Im Innenhof der Feuerwache an der Wolfhager Straße wurde unterdessen eine provisorische Werkstatt eingerichtet. „Die Trabis waren so schmal, dass sie quer über der Grube stehen mussten“ erinnert sich Kuno Zindel. Trotzdem habe man sie wieder fahrtüchtig bekommen. 

Als Dankeschön gab es nicht nur hier eine Flasche Aromatique, einen Kräuterschnaps aus Thüringen, oder einen Klaren aus Nordhausen. Unter den Besuchern war auch ein Feuerwehrmann aus Leipzig. „Der hat gefragt, ob er bei uns arbeiten kann“, sagt Gerd Pasche. Sofort ging das nicht, aber etwas später fing er in Kassel an.

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