Ein Stück Kassel auf dem Mond

Kasselerin bestickte Fahne, die mit Apollo 11 zum Mond flog

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Inge Baum, bestickte eine Fahne, die mit zum Mond flog. Hier ist sie im Jahr 1980 zu sehen.

Inge Baum wanderte 1951 von Kassel in die USA aus. Für den Astronauten Edwin Aldrin bestickte sie eine Fahne, die dieser bei der Apollo-11-Mission mit zum Mond nahm.

Der 90-jährige Franz Scherwenings aus Kassel kann sich noch bestens an die Mondlandung heute vor 50 Jahren erinnern. So etwas vergisst man nicht. Wenn er an dieses wichtige Ereignis der Menschheit denkt, hat er aber nicht nur die Astronauten Neil Armstrong und Edwin Buzz Aldrin vor Augen, sondern auch eine alte Freundin: Inge Baum aus Kassel, mit der er und seine Frau Irmgard über Jahrzehnte befreundet waren. Die mittlerweile verstorbene Inge Baum bestickte nämlich eine Fahne, die Astronaut Aldrin in der Rakete der Apollo-11-Mission mit zum Mond nahm.

Wie kam es dazu? Das schilderte die damals 87-jährige Inge Baum vor 15 Jahren der HNA am Telefon, nachdem Franz Scherwenings den Kontakt hergestellt hatte. Sie lebte damals in einem Altenheim in Virginia, 66 Meilen von Washington entfernt.

Würdigung: Im September 2003 wurde in dem Jahreskalender der Freimaurer an die Fahne, die Inge Baum stickte (oben rechts), erinnert. Dort sind auch der Grand Commander Smith und der Astronaut Edwin Buzz Aldrin abgebildet.

Baum war 1951 mit ihrer Familie von Kassel in die USA ausgewandert und arbeitete 42 Jahre lang als Bibliothekarin im Freimaurer-Tempel (House of Temple) in Washington D.C..

Auch Astronaut Aldrin, mittlerweile 89 Jahre alt, ist Freimaurer. Er möchte ein kleines Andenken zum Mond mitnehmen, hatte er damals gesagt. Bei den Freimauern war bekannt, dass Inge Baum gut sticken konnte. Deshalb wurde sie beauftragt, die Scottish Rite Flag, ein Symbol des Freimaurer-Tempels, zu besticken. Dafür bekam sie eine Woche frei und wurde mit 100 Dollar belohnt.

Dieses Video ist Teil der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Natürlich verfolgte auch Inge Baum am 20. Juli 1969 die Mondlandung vorm Fernseher. Da wurde die Fahne aber nicht erwähnt. Nachdem Aldrin wieder auf der Erde war, brachte er die Scottish Rite Flag in den Freimaurer-Tempel zurück. Er habe sie schön gefaltet, erzählte Baum 2004. Anschließend wurde das gute Stück auch nicht mehr gebügelt, sondern im Freimaurer-Tempel ausgestellt.

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„Aldrin hat mir nicht die Hand gegeben, sondern nur dem Grand Commander“, erinnerte sich Inge Baum, ohne dabei ärgerlich zu klingen. Dafür wurde Baums Verdienst 35 Jahre nach der Mondlandung – in dem Kalender 2002/2003 des House of Temple – gewürdigt.

Erinnert sich an die Mondlandung und an seine Freundin Inge Baum: Der 90-jährige Franz Scherwenings.

Dies schrieb sie damals ihren Freunden in Kassel, die sie auch regelmäßig besuchte. Die Scherwenings nahmen Kontakt zur HNA auf, sodass erstmals über den Kasseler „Anteil“ an der ersten Mondlandung berichtet werden konnte.

Vor 15 Jahren verriet Baum auch ein Geheimnis: Bevor sie die Fahne stickte, habe sie zwei blonde Haare vom Kopf ihrer achtjährigen Enkeltochter gezupft. Die verarbeitete sie in der Handarbeit, die zum Mond flog.

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Nachdem der Artikel im Mai 2004 in der HNA erschienen war, bekamen die Scherwenings viele Anrufe von Menschen aus Kassel, die sich noch gut an Inge Baum erinnern konnten, erzählt Franz Scherwenings. „Wir wurden sogar eingeladen.“ Zwei Jahre später starb dann ganz plötzlich seine Frau Irmgard.

Die Freundschaft mit Inge Baum hielt an. Die beiden schrieben sich regelmäßig und telefonierten. Im Jahr 2008 bekam Scherwenings den letzten Brief von der Freundin aus Amerika. Das Altenheim, in dem Inge Baum zuletzt gelebt hatte, überbrachte ihm später die Todesnachricht.

Inge Baum hatte ein bewegtes Leben

Inge Baum hat nicht nur eine Flagge bestickt, die Astronaut Aldrin mit zum Mond nahm, sondern darüber hinaus ein interessantes Leben geführt. Der Wissenschaftler Alexander Freund ließ sich 1998 von Inge Baum ihre Lebensgeschichte für seine Dissertation an der Universität Bremen erzählen.

Inge Baum wuchs bei ihren sehr strengen Großeltern in Kassel auf. Ihr Vater war unbekannt, ihre Mutter nahm sich das Leben, als sie ein kleines Kind war. Ihre Großeltern hätten sie nie gewollt, erzählte sie der HNA vor 15 Jahren.

Mit sechs Jahren musste sie schon Taschentücher umhäkeln, um etwas für den Lebensunterhalt beizusteuern. Nach der Volksschule in Kassel bekam Inge Baum ein Stipendium für das Lyzeum. Sie arbeitete unter anderem im Büro bei Henschel und Fieseler. 1938 heiratete sie ihren Mann, den sie in der Mormonenkirche kennengelernt hatte.

20.000 Witze übersetzt

Zu der Auswanderung im Jahr 1951 kam es durch einen witzigen Zufall. Nach der Zerbombung Kassels lebten die Baums in einem kleinen Dorf am Hohen Meißner. Dort fand Inge Baum im Müll der Amerikaner ein Buch mit einer Adresse in den USA. Dorthin schrieb sie einen Brief und erzählte über ihr Leben. Dem Amerikaner, der das Schreiben erhielt, gefiel es so gut, dass er es an das „SunshineMagazin“ schickte. 

Dort wurde der Brief veröffentlicht. Darauf wurde der Freimaurer-Tempel aufmerksam, der jemanden für die Bibliothek suchte. Da Inge Baums Mann Schriftenmaler war und ein solcher ebenfalls gesucht wurde, bekam die Familie mit zwei Kindern Tickets auf einem Luxusschiff für die Überfahrt.

Neben ihrer Arbeit bei den Freimaurern übersetzte Inge Baum 20.000 Witze im Lauf ihres Lebens und schrieb drei Bücher. Unter anderem hat sie das Alte Testament auf „lustige Art“ übersetzt.

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