Die 68-Bewegung 

Revolution auf Kassels Straßen: So demonstrierten die Nordhessen vor 50 Jahren

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Im Laufschritt zur Stadthalle: „Bundeswehr - Notstandsheer!“, riefen Sprechchöre. Noch verlief der Protest gegen die Notstandsgesetze geordnet. Stunden später kam es vor der Stadthalle jedoch zu Handgreiflichkeiten.

Kassel. Die 68er-Bewegung hat für Freiheiten gesorgt, die heute selbstverständlich sind. Viele Menschen sind auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Aber was war eigentlich damals in Kassel los?

1968 herrschte Ausnahmezustand gerade in großen Universitätsstädten wie Berlin, Frankfurt und München. Studenten und andere junge Menschen gingen auf die Straße, hielten Plakate hoch und riefen in Sprechchören Parolen gegen Krieg, gegen Gewalt und gegen die Spießigkeit in der Gesellschaft. Zahlreiche Ideen und Vorstellungen der 68er-Bewegung konnten zwar nicht umgesetzt werden. Einen Stein brachten sie aber trotzdem ins Rollen.

Auch wenn Kassel keiner der zentralen Dreh- und Angelpunkte für Studentenbewegungen war – schließlich gab es 1968 noch keine Uni – wurde auch hier protestiert. Einige Aktionen sind besonders in den Köpfen geblieben.

Rund 1000 Menschen demonstrierten auf der Königsstraße

Rund tausend junge Menschen schoben sich am Ostersamstag, 14. April, durch die Königsstraße. Sie hielten Transparente in die Luft, auf denen in Großbuchstaben „Dutschke“ stand. Es waren drei Tage nach dem Attentat auf den Berliner Studentenführer Rudi Dutschke vergangen, das auch in Kassel für Proteststimmung sorgte.

Anders als in Frankfurt flogen jedoch weder Steine noch brannten Autos. Die Polizei zeigte sich im Nachhinein zufrieden über den friedlichen Verlauf. Das Befestigen roter Fahnen am Spohr-Denkmal galt schon als ein besonderes Zeichen des Aufbegehrens.

Auseinandersetzung mit Polizisten

Bereits am 15. Mai marschierten rund 300 Studenten der Werkkunstschule in der Menzelstraße zum „Sit-in“ auf die Rathaustreppe. Auch diese Demonstration – diesmal gegen die Notstandsgesetze – verlief, obwohl sie nicht genehmigt war, weitestgehend friedlich. Zu Handgreiflichkeiten zwischen Demonstranten und der Polizei kam es dann zum ersten Mal am 29. Mai, einen Tag bevor die Gesetze in Bonn verabschiedet werden sollten.

In der Kasseler Stadthalle traf sich an diesem Tag die Führungsspitze der Bundeswehr. Rund 1000 Schüler und Studenten belagerten bis in die Abendstunden hinein die Stadthalle, hämmerten mit den Fäusten auf die Limousinen der Offiziere und riefen „Bundeswehr – Notstandsheer“. Auf beiden Seiten gab es Leichtverletzte.

Hintergrund: Der Anschlag auf Rudi Dutschke

Rudi Dutschke (1940-1979) war Vorstandsmitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), einer der Führer der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und damit ein Vorbild für Revolutionäre. Bei einem Attentat am 11. April 1968 wurde er lebensgefährlich verletzt. 

Der 23-jährige Josef Erwin Bachmann traf ihn mit drei Kugeln in Kopf und Brust. Dutschke brach auf dem Kurfürstendamm in der Nähe des SDS-Büros zusammen. Bachmann wurde erst nach längerem Schusswechsel von der Polizei festgenommen. Das Attentat löste schwere Unruhen in mehreren Städten aus. 

Was waren die Notstandsgesetze?

Der Deutsche Bundestag verabschiedete am 30. Mai 1968 die Notstandsgesetze. Diese sollten ins Grundgesetz eingebaut werden und besagen bis heute, dass Truppen in Deutschland im Notfall zum Schutz des Landes eingesetzt werden dürfen. Die Verabschiedung der Gesetze sorgte in der Öffentlichkeit für heftige Auseinandersetzungen. Gerade die Revolutionäre der Außerparlamentarischen Opposition (APO) wehrten sich mit Demonstrationen im Vorfeld. Der Bundestag entschied sich mit einer Zweidrittel-Mehrheit trotzdem dafür. 

Interview: Hans Dieter Baumann war Zeitzeuge der 68er-Bewegung in Kassel

Hans Dieter Bauchmann

Er war sie satt, die spießige Atmosphäre der Nachkriegszeit. Hans Dieter Baumann aus Niestetal war Revolutionär der 68-Bewegung – und zwar hier in Kassel. Was er heute darüber denkt und was die Proteste bewirkt haben, erzählt er im Interview.

Herr Baumann, welches Gefühl hat Sie dazu gebracht, Ende der 60er-Jahre auszubrechen?

Hans Dieter Baumann: Es war ein Gefühl des Aufbruchs, der Hoffnung und der Freiheit, das meine Freunde und ich hatten. Da war vor allem die Erwartung, dass „nach der Revolution“ alles besser wird. Wir wollten eine Welt ohne Gewalt, Krieg, Ausbeutung und Dummheit.

War das realistisch?

Baumann: Mit etwas Abstand wird sofort klar, dass unsere Forderungen in dieser Form nicht umsetzbar waren. Wir waren eben eine kleine Minderheit. Es gab zunehmend radikale Splittergruppen, die ihre revolutionären Gedanken um jeden Preis durchsetzen wollten. Davon habe ich mich immer distanziert.

Erinnern Sie sich an eine bestimmte Situation?

Baumann: Bei einer Demonstration in Düsseldorf habe ich gesehen, wie ein Mitdemonstrant einer Frau, die wegen der Demo nicht mit ihrem Auto vorankam, linke Symbole aufs Auto gesprüht hat. Da habe ich ihm die Sprühdose aus der Hand geschlagen. Ich fand es einfach unfair, weil die Frau ja nun wirklich nicht am Vietnam-Krieg schuld war. Aber ansonsten liefen die Aktionen insgesamt eher friedlich ab.

Hat man in Kassel überhaupt richtig etwas von der 68er-Bewegung mitbekommen?

Baumann: In Kassel gab es ja noch keine Uni. Das war ein Grund, warum hier im Vergleich zu den größeren Städten nicht so viel los war. Aber es hat durchaus einige Demonstrationen gegeben. Zentrum war der AStA der Kunsthochschule. Und auch wenn vieles vielleicht nicht realisierbar war – wir haben Tore für Neues geöffnet und Denkanstöße gegeben. Und zwar für Dinge, die heute selbstverständlich sind. Dass etwa Homosexuelle einmal gesellschaftlich akzeptiert sein würden, hat damals niemand für möglich gehalten.

Wann haben Sie persönlich zum ersten Mal öffentlich einen Denkanstoß gegeben?

Baumann: Es gab 1967 bei einem Ferienlager der Kriegsgräberfürsorge in Frankreich eine Informationsveranstaltung des Vorstands. Da habe ich gefragt, wie es denn sein könne, dass während einer solchen Veranstaltung kein Wort zum aktuellen Vietnamkrieg falle. Das kam nicht so gut. Die Antwort war betretenes Schweigen.

Inwiefern haben Sie sich auch äußerlich verändert?

Langes Haar und grüner Parka: Hans Dieter Baumann (rechts) und seine Freunde haben sich in den 68er-Jahren an den Protesten in Kassel gegen Gewalt und Krieg beteiligt.

Baumann: Als Schüler war ich ziemlich angepasst und brav. In die Schule ging man sowieso nur mit Anzug und Schlips. Aber dann habe ich mir lange Haare wachsen lassen und zumindest in der Freizeit den typischen grünen Parker mit dem Atomwaffengegner-Button getragen. Weil meine Mutter mir keinen Vollbart erlaubt hatte, ließ ich dann einfach meine Koteletten immer länger wachsen.

Auf wen hatten Sie und Ihre Mitdemonstranten am meisten Wut?

Baumann: Auf das kapitalistische System. Vor allem auf die amerikanischen Politiker, die den Vietnamkrieg zu verantworten hatten und auf unsere Politiker, die die Notstandsgesetze durchsetzten. Außerdem auch auf die Springer-Presse, die letztlich eine Mitschuld am Attentat auf Rudi Dutschke trug.

Wie denken Sie heute über Revolution?

Baumann: Ich bin auch heute noch stolz darauf, dass wir vieles in der Gesellschaft bewegt und unterm Strich für ein Umdenken gesorgt haben. Aber es ist auch vieles falsch gelaufen. Die RAF und ihre terroristischen Gewalttaten waren mit Sicherheit eine dieser Fehlentwicklungen.

Wie blicken Sie auf die Jugendlichen der heutigen Zeit?

Baumann: Ich habe den Eindruck, es fehlt ein bisschen an der anti-autoritären Haltung von damals. Aber ich habe zu wenig Kontakt, als dass ich das so sicher sagen könnte. 

Dr. Hans Dieter Baumann (68) wurde in Kassel geboren und machte an der Goethe-Schule sein Abitur. Nach der Schule absolvierte er ein Praktikum als Bühnenmaler am Staatstheater. In Marburg und Düsseldorf studierte er anschließend jeweils ein Semester Kunst. Danach kehrte er nach Kassel zurück und studierte an der Kunsthochschule. An der Gesamthochschule promovierte er in Kunstwissenschaft. Zwei Jahre lang war er in Forschungsprojekten tätig. 1984 bis 1996 war er Chefredakteur eines Motorradrocker-Magazins. Er verfasste rund 35 Bücher. Heute ist er vor allem Fachautor und -journalist für digitale Bildbearbeitung. Er ist Herausgeber und Mitgründer des Bildbearbeitungs-Magazins Docma und lebt gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in Niestetal-Sandershausen.

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