Leserin erinnert sich nach HNA-Bericht

Abrissbirne gegen Kleinod: Die Geschichte eines der ersten Häuser am Weinberg

1960er-Jahre: Das 1865 gebaute Haus der Familie Hochapfel gehörte zu den ältesten am Weinberg. Es wurde im Schweizer Stil errichtet und überstand den Zweiten Weltkrieg. Die alpenländische Architektur war ein Hingucker am Weinberg. Fotos: privat

Kassel. Kürzlich hat die HNA über eines der ersten Häuser am Weinberg berichtet. Nun melden sich die Nachkommen des Bauherren zu Wort.

Sie erinnern sich noch gut an die letzten Tage des romantischen Gebäudes, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte. Ihrem Vorfahren gehörte das 1865 im Schweizer Stil errichtete Wohnhaus des Kasseler Dekorationsmalers Reinhard Hochapfel (1823-1903).

Ingeburg Fischer war immer gerne zu Besuch in dem Weinberghäuschen, das einen großartigen Fernblick bot. Ihre Großeltern Konrad und Elisabeth Hochapfel haben dort seit Ende 1943 gelebt. In der Bombennacht im Oktober 1943 hatten sie ihr Haus und den Malerbetrieb an der Friedrichsstraße verloren, erzählt die Enkelin, die inzwischen selbst 76 Jahre alt ist. Also seien sie in das Haus am Weinberg gezogen, das der Vater von Konrad Hochapfel gebaut hatte.

„Das Haus hatte wie durch ein Wunder den Krieg überstanden“, erzählt Fischer. Bevor meine Großeltern dort einziehen konnten, mussten sie aber erst sämtliche Geschwister meines Großvaters um Erlaubnis fragen. Vier von ihnen waren nach Südafrika ausgewandert, was es nicht einfach machte.

„In den ersten Nachkriegsjahren reichte die Weinbergstraße noch nicht bis zu dem Haus. Das war alles Trümmerschutt. Nur von der Humboldtstraße aus war ein Weg bis zum Haus freigeräumt worden“, erzählt Fischer.

Drei Etagen: Von den Balkonen hatte man einen prima Blick auf die Südstadt und Wehlheiden.

Als der Großvater 1958 gestorben sei, habe die Großmutter einen Teil des Hauses untervermietet. Weil sie von dem Ort so angetan war, feierte Ingeburg Fischer 1968 ihren Polterabend im terrassenartig angelegten Garten des Weinberghäuschens. „Das war herrlich.“ Die 76-Jährige erinnert sich auch noch gut an die herrschaftliche Küche im Erdgeschoss.

Mit der Romantik war 1973 Schluss. Den Erben war der Verkauf des Hauses angeboten worden. Sie willigten ein und so rückte der Abrissbagger an. „Meine Großmutter konnte sich das nicht anschauen. Meine Mutter hat den Abriss mit der Kamera festgehalten“, sagt Fischer.

Der Abriss: 1973 wurde das Haus für den Neubau eines Seniorenheims abgerissen.

An der Stelle entstand schließlich der Wohnstift am Weinberg. Ingeburg Fischer lebt mit ihrem Mann seit vielen Jahren im Schwabenland, hat aber immer noch gute Kontakte in ihre Heimat.

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