"Wir brauchen keine Schwätzer, sondern endlich Leute, die handeln"

ADFC-Vize kritisiert Kassels Oberbürgermeister:„Die Situation für Radler ist miserabel“

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Roter Teppich für Radler: Am Freitag baute der ADFC für zwei Stunden einen geschützten Radstreifen auf dem Steinweg auf.

Bei einer Diskussion in der Kasseler Ausstellung "Fahr Rad" bezeichnete ADFC-Vize Koopmann Oberbürgermeister Geselle als "Schwätzer". Im Interview erklärt er, woran es der Stadt mangelt.

„Wege zur menschenfreundlichen Mobilität“ sollte eine Veranstaltung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) am Samstag als Teil der Ausstellung „Fahr Rad“ aufzeigen. 90 Minuten wurde in der documenta-Halle ausgiebig diskutiert. Wir sprachen mit Ludger Koopmann. Der stellvertretende ADFC-Bundesvorsitzende machte sich während einer zweitägigen Klausurtagung seiner Organisation ein Bild von der Radstadt Kassel – und er attackierte Oberbürgermeister Christian Geselle.

Herr Koopmann, warum halten Sie Oberbürgermeister Christian Geselle für einen Schwätzer, wie Sie am Samstag gesagt haben?

Weil er in der Diskussion zu keiner Festlegung bereit war. Ich hatte gesagt, dass es am einfachsten ist, eine als autogerecht geplante Stadt wie Kassel mit einer Radinfrastruktur auszustatten. Denn dort gibt es viel mehr Platz als etwa in meiner Heimatstadt Bremen, die gewachsen ist und in der es viel häufiger zu Konflikten zwischen Autofahrern und Radfahrern kommt. Herr Geselle antwortete aber, dass Kassel alle Ansprüche erfüllen müsse. Und er sagte, dass seine Stadt keine oberirdischen Parkplätze brauche, weil es so viele unterirdische gibt. Warum sagt er dann nicht: „Wir schaffen die oberirdischen ab.“ Schwätzer ist ein hartes Wort, aber Herr Geselle legt sich nicht fest und argumentiert, als wolle er einen Pudding an die Wand nageln.

Sie haben auch gesagt: „Wir brauchen keine Schwätzer, sondern endlich Leute, die handeln.“

Das ist ein grundsätzliches Dilemma der Politiker von heute. Viele haben eine Sozialpädagogeneinstellung.

Sie waren selbst Sozialpädagoge.

Deswegen darf ich das sagen. Politiker wollen heute immer alle mitnehmen. Es gibt keine Leute mehr, die eine klare Position beziehen. Viele junge Leute wünschen sich Politiker wie Herbert Wehner und Franz Josef Strauß zurück, die sich gefetzt haben.

Haben Sie nach der Veranstaltung noch mit Christian Geselle geredet?

Das wollte ich, aber er war schon weg, weil er noch zum Klassik-Open-Air musste. Dafür habe ich Verständnis. Ich würde gern einmal mit ihm, Kasseler Stadtverordneten und Radaktivisten einen Ausflug in die Fahrradstadt Utrecht machen.

Wie haben Sie als Radfahrer Kassel wahrgenommen?

Die Situation für Radler ist miserabel. Es gibt einige touristisch schöne Wege an der Fulda. Ansonsten ist es mehr als bescheiden. Dabei hatte ich den Vorteil, dass ich am Wochenende unterwegs war, also ohne Berufsverkehr. Meine Kinder würde ich hier nicht fahren lassen. Dabei hat Kassel so breite Straßen.

Breit ist relativ. Am Freitag haben Sie auf dem Steinweg für zwei Stunden einen geschützten Radfahrstreifen aufstellen lassen. Stadtplaner kritisieren, dass so etwas auf breiten Straßen in Berlin funktioniert, aber nicht auf den schmalen in Kassel. Ist so ein Radweg tatsächlich die Königslösung?

Protected Bike Lanes können eine Lösung sein. Oft sucht man sich eine komplizierte Stelle aus und sagt: „Da geht das nicht.“ Aber warum redet man nicht über die einfachen Stellen wie den Steinweg, wo sich dringend etwas ändern muss? Andere Lösungen können Tempo 30 und die Einrichtung von Einbahnstraßen sein. Wenn Autos in zwei Richtungen fahren, ist viel Platz. Die Frage ist, wem man diesen Platz gibt.

Kritiker monieren, die Radfixiertheit sei eine neue Ideologie. Überdrehen Sie das Rad bisweilen?

Das glaube ich nicht. Wir sind in Deutschland weit davon entfernt, dass die Situation für Radler gut ist – trotz positiven Beispielen aus Städten wie Münster und Karlsruhe. Komischerweise wird die Ideologie-Frage immer nur beim Radverkehr gestellt. Wir haben immer noch eine komplette Auto-Ideologie und in den Städten keinen Platz mehr. Trotzdem sind die Zulassungszahlen von SUVs im vorigen Jahr um 27 Prozent gestiegen. Und das obwohl diese Autos Ressourcen verschwenden, extrem gefährlich sind und unheimlich viel Platz verbrauchen.

Oberbürgermeister Geselle kann sich vorstellen, dass Kassel mal ein Radparadies wird, wie er am Samstag gesagt hat. Glauben Sie, dass es so kommt?

Ja, es wird so kommen, ob mit Geselle oder ohne hin. Für Städte wie Kassel ist es wichtig, dass sich etwas ändert. Gerade bei jungen und gut ausgebildeten Fachkräften spielt es eine Rolle, ob man ohne Auto auskommen kann. Der Radentscheid hat in Kassel einiges bewegt – auch wenn noch nichts umgesetzt wurde. Mittlerweile streitet der Oberbürgermeister mit Radaktivisten auf Podien, ob es jährlich 4,5 oder 6 Millionen Euro im Jahr für die Radinfrastruktur sein müssen. Das ist ein Fortschritt.

Oberbürgermeister Christian Geselle wollte sich auf Nachfrage unserer Zeitung nicht zu den Vorwürfen äußern.

Ausstellung "Fahr Rad"

„Kassel auf dem Weg zur Fahrradstadt – Fragen an die Kasseler Kommunalpolitik“ ist der Titel einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 4. September (19 Uhr), in der Ausstellung „Fahr Rad“ in der documenta-Halle. Unter der Leitung von Thiemo Graf vom Institut für innovative Städte diskutieren Verkehrsdezernent Dirk Stochla, sein Vorgänger Cristof Nolda, Dr. Georg Förster (Straßenverkehrs- und Tiefbauamt) sowie die Stadtverordneten Eva Koch (Grüne), Dominique Kalb (CDU) und Sascha Gröhling (SPD).

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