Rollstühle dürfen nicht mehr nebeneinander stehen

Ärger um neue Regelung: Weniger Platz für Rollstühle in KVG-Bahnen

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Banges Warten: Hildegard Erstmann ist gestern mit der Linie 4 zum Königsplatz gefahren. Auf der Hinfahrt hat das geklappt, auf der Rückfahrt war der einzige Rollstuhlplatz schon belegt, sie musste auf die nächste Bahn warten. Foto:  Malmus

Kassel. Meistens klappt es, manchmal aber auch nicht. „Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass ich in der Straßenbahn mitfahren kann“, sagt Hildegard Erstmann. Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die 76-Jährige ärgert sich über eine Neuregelung bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG). In den Straßenbahnen dürfen Rollstuhlfahrer im Mehrzweckabteil (da ist auch Platz für Kinderwagen und Fahrräder) nicht mehr nebeneinander stehen. Eine ähnliche Regelung gibt es für Busse.

Kritik an Änderung

„Wenn der Platz belegt ist, muss ich auf die nächste Bahn warten“, sagt Hildegard Erstmann. Bisher hätten zwei Rollstühle nebeneinander stehen können. Sie hat kein Verständnis für die Neuerung. Seit 15 Jahren sei sie mit dem Rollstuhl unterwegs, passiert sei nie etwas. Kritik an der Änderung übt auch Lina Wiese, die an der Kasseler Universität eine Tagung organisiert hat. Zu der haben sich unter anderem 16 Rollstuhlfahrer angemeldet. Für die werde es schwerer, einen Platz in der Bahn zu bekommen.

Nach Angaben der KVG soll die Neuregelung zu mehr Sicherheit in den Fahrzeugen beitragen. Auslöser sei die bundesweite Diskussion um die Beförderung von schweren Elektromobilen, den E-Scootern, gewesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Verkehrsgesellschaften wolle die KVG die Mitnahme weiterhin ermöglichen. Dafür müssen die Elektromobile parallel zur Bahn und gegen die Fahrtrichtung stehen. Nur so sei gewährleistet, dass sie bei einer Vollbremsung nicht umkippen. „Unsere Tests haben ergeben, dass dieses Prinzip auch für Rollstühle gilt“, sagt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad (siehe Artikel unten).

In der Praxis kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Diskussionen. Nicht nur die Rollstuhlfahrer, sondern auch andere Fahrgäste haben sich beschwert, wenn Rollis stehen bleiben mussten. „Ich hatte das Gefühl, dass es am jeweiligen Fahrer liegt, was möglich ist und was nicht“, sagt Hildegard Erstmann.

„Wir hätten das deutlicher kommunizieren müssen, das war ein Versäumnis“, sagt Heidi Hamdad. Ziel sei es nach wie vor, das Angebot auch für Rollstuhlfahrer so gut wie möglich zu machen. Darauf habe man bei der Sanierung älterer Niederflugbahnen geachtet. Dort gebe es nach dem Umbau jetzt drei statt bisher zwei Mehrzweckbereiche.

Neue Busse

Zudem seien neue 23 Busse bestellt, die in den nächsten Wochen in Betrieb gehen sollen. Auch hier gebe es einen Mehrzeckbereich mehr als bisher und damit auch mehr Platz für Rollstühle.

Trotzdem gebe es keine Garantie dafür, dass Rollstuhlfahrer jederzeit mitgenommen werden können. „Das gilt aber auch für Fahrräder und Kinderwagen“, sagt Heidi Hamdad. Die Entscheidung darüber, ob die Mitnahme möglich ist, liege beim Fahrpersonal. Daran habe sich nach der Neuregelung nichts geändert.

Beirat diskutiert KVG-Neuerung für Rollstühle

Was passiert eigentlich bei einer Vollbremsung in der Straßenbahn mit einem Rollstuhlfahrer? In einer ganzen Reihe von Versuchen hat die KVG das nach eigenen Angaben mit Rollstühlen und E-Scootern getestet. Auch aus versicherungstechnischen Gründen ist das von Bedeutung. Das Ergebnis: Wenn Rollstühle und E-Scooter schräg zur Fahrtrichtung stehen, kippen sie schneller. Die Verletzungsgefahr für die Nutzer und andere Fahrgäste ist deutlich erhöht. „Einer unserer Tester hat sich bei dem Versuch verletzt“, sagt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad. Die eigenen Tests seien durch das Gutachten eines unabhängigen Instituts bestätigt worden. Demnach sei es für alle Beteiligten sicherer, wenn die Nutzer von Rollstühlen und E-Scooter diese gegen die Fahrtrichtung der Bahn oder des Busses abstellen. Die Neuregelung gilt nicht für Rollatoren, Kinderwagen und Fahrräder. Die KVG begründet das mit dem deutlich geringeren Gewicht. Das Selbst- und Fremdgefährdungsrisiko sei deshalb wesentlich niedriger. Der Kasseler Behindertenbeirat will sich bei seiner nächsten Sitzung am 21. März (17 Uhr, Rathaus) mit dem Thema befassen. „Das ist bisher unglücklich gelaufen“, sagt der Vorsitzende des Beirats, Helmut Ernst. Er könne den Ansatz der KVG zwar verstehen. Trotzdem dürfe es für Rollstuhlfahrer nicht zu einer Lotterie werden, ob sie mitgenommen werden. 

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