Großspurige Baupläne

Akropolis in Kassel: Nazis planten Gauforum auf dem Weinberg

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Zeichnung zum Entwurf für das Gauforum: Das sollte nach Plänen aus dem Jahr 1944 auf dem Weinberg gebaut werden. Vorbild war die Akropolis.

Kassel. Aus heutiger Sicht ist es unglaublich. Nur wenige Monate nach dem verheerenden Bombenangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 lagen Pläne für eine Gauhauptstadt ganz im Sinne des nationalsozialistischen Größenwahns auf dem Tisch. 

Dazu gehörte auch ein riesiges Gebäude auf dem Weinberg, das in den Plänen als Gauforum bezeichnet wurde. „Zur documenta haben wir den Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz, damals war Athen Vorbild für Pläne, die zum Glück nie verwirklicht wurden“, sagt Folckert Lüken-Isberner (74). Der Stadtplaner hat ein Buch über die großen und großspurigen Pläne geschrieben, die es bis in die Nachkriegszeit für Kassel gab.

Eine wichtige Rolle spielte dabei der Weinberg. Auch hier hatte es im Oktober 1943 große Zerstörungen gegeben. Spätestens im Jahr 1944 war absehbar, dass der Krieg verloren war.

Folkert Lüken-Isberner

Das hinderte die Planer aber nicht daran, weiter an ihren Vorstellungen zu arbeiten. Ganz im Gegenteil. Wenn ohnehin schon so viel zerstört war, dann könne man für neue Architektur auch gleich alles Alte vernichten. „Die Murhardsche Bibliothek und das Landesmuseum waren aus dieser Sicht nur störend und sollten abgerissen werden“, sagt Lüken-Isberner. Der spätere Leiter des Kasseler Stadtplanungsamtes Werner Hasper, der die Pläne vorantrieb, formulierte die Zielsetzung so: „Die Randbebauung wird weithin sichtbar als Silhouette der Stadt wirken. Deshalb soll der Rand die bedeutendsten Gebäude tragen. 

Große Pläne: Von dem Grundstück der Villa Henschel bis zum Hessischen Landesmuseum sollte ein riesige Gauforum entstehen. Foto:  

Insbesondere die große Feierhalle als das bedeutendste Gebäude der Stadt soll auf der Höhe des Weinbergs hart am Rand des Steilhangs akropolisartig auf Fernwirkung aufgebaut sein.“ Mit der „Feierhalle“ ist ein Teil des Gauforums gemeint. Das sollte in einem Rundbau mit Empore Platz für 10.000 Besucher bieten. Über den gesamten Weinberg verteilt – auch auf den Terrassen – sollten bis zu 100 000 Menschen Platz finden. Das klingt größenwahnsinnig, wurde aber zumindest teilweise an anderer Stelle verwirklicht. Vorreiter für solche Pläne war damals Weimar. Als Zeichen dafür, dass man die von ihnen verhasste Weimarer Republik hinter sich gelassen habe, bauten die Nazis dort das erste Gauforum.

Mit dem Kriegsende war der Spuk noch nicht vorbei. In Kassel wurden einige Pläne aus der Nazizeit beim Wiederaufbau wieder aus den Schubladen geholt. Bei dem großen Wiederaufbauwettbwerb im Jahr 1947 beteiligte sich auch Werner Hasper. Die Planung für den Weinberg von 1944 reichte er in nur leicht veränderter Fassung ein. Ohne Erfolg. Die Kasseler Stadtverordneten, die nach dem Krieg nicht im stark beschädigten Rathaus, sondern im Blauen Saal der Stadthalle tagten, entschieden sich dagegen.

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