Pflegekräfte verzweifelt gesucht 

Kasseler Altenheimleiterin zu den Personalengpässen in der Pflege

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Altenheimleiterin Annemarie Ottman

Kassel. Überall fehlen Pflegekräfte. Neben der geringen Bezahlungen, gibt es eine Reihe an Problemen. Wir sprachen mit der Leiterin des Aschrott-Altenheims, Annemarie Ottmann.

Helfer in der Krankenpflege verdienen im Mittel 11,09 Euro brutto pro Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 8,84 Euro.

Fast täglich ist in den Medien vom Pflegenotstand die Rede. Bekommen Sie ihn zu spüren?

Annemarie Ottmann: Zum einen haben wir das Problem, dass wir offene Stellen nicht sofort nachbesetzen können. Konkret suchen wir zurzeit drei Fachkräfte. Es passiert, dass wir für ausscheidende Fachkräfte manchmal erst ein halbes Jahr später eine adäquate Nachbesetzung finden. Im Helferbereich sieht es etwas besser aus. Aber auch hier stellen wir deutlich weniger Bewerber fest. Hatten wir früher fünf bis zehn Bewerber im Monat, so haben wir diese Anzahl jetzt im Vierteljahr.

Wir müssen die Pflegeberufe aufwerten, sonst bekommen wir ernsthafte Probleme.

Es gibt ein Paket an Problemen, etwa die Belastung. In den Niederlanden kommen auf eine Pflegefachkraft im Schnitt sieben Patienten, in Deutschland sind es 13. Stress dürfte eine Ursache für die Belastung von Pflegekräften sein. Was kann dagegen getan werden?

Ottmann: Die Berechnung bezieht sich auf Krankenhäuser. Für Altenheime werden Personalanhaltswerte aufgrund einer komplizierten Formel errechnet. Zu unserer Einrichtung lässt sich soviel sagen, dass wir derzeit 154 Bewohner haben, die von 61 Vollzeitstellen versorgt werden. Dadurch, dass man Stellen nicht gleich nachbesetzen kann und das vorhandene Team kompensieren muss, entstehen Mehrbelastungen.

Pflegeberufe sind nicht einfach zu bewältigen. Sie können große Freude machen, aber dann müssen die Rahmenbedingungen stimmen.

Von Rückkehr- und Aufstockerprämien ist häufig die Rede. Was halten sie davon?

Ottmann: Rückkehrprämien sind nicht sinnstiftend. Sie könnten ein kleiner Anreiz sein. Wenn sich jemand entschieden hat, den Beruf zu verlassen, wird er das vielleicht annehmen, aber langfristig können damit die Probleme nicht behoben werden.

Hinter den Aufstockerprämien steckt ja das Problem der Teilzeitarbeit, oft mit dem Hintergrund der Kindererziehung. Hier müssten die strukturellen Probleme behoben werden, die Arbeitsbedingungen vor allem für Frauen, die den Großteil der Mitarbeiter stellen.

Es hätte schon viel eher der Hebel umgelegt werden müssen mit guten Rahmenbedingungen für die Pflegeberufe. Das wurde verschlafen.

Das Problem der Pflege besteht auch darin, das Alte und gebrechliche Menschen keine Lobby haben.

Die Mehrheit der Pflegekräfte arbeitet in Teilzeit. Das kommt den Bedürfnissen vieler Beschäftigten kaum entgegen, denn sie haben häufig wenig Einfluss auf den Dienstplan, müssen flexibel einspringen. Was ist da zu tun?

Ottmann: Das sollte auf kurzem Wege mit dem Vorgesetzten erledigt werden. Wir zum Beispiel versuchen, den Bedürfnissen der Mitarbeiter nachzukommen. Das hat aber Grenzen, denn wir haben ja gleichzeitig unsere Regularien. Wir bewegen uns häufig in einem Korsett und ein sozial verträglicher Dienstplan ist eine Riesenaufgabe.

Wir haben in einem Teilbereich der Aschrottaltersheime ein Experiment gestartet, wo wir am Wochenende versuchen, vom ungeliebten Teildienst wegzukommen. Den gibt es nur vereinzelt. Gearbeitet wird im Früh- und Spätdienst. Das ist nicht immer flächendeckend möglich. Wir haben ja auch den Druck, die freien Wochenenden der anderen Schicht auszugleichen.

Wie steht es um Karrieren in ihrem Berufsfeld?

Ottmann: Anhand meiner eigenen Vita kann ich sagen, dass man es von der FSJ-Kraft bis zur Heimleitung schaffen kann. Allerdings braucht es dabei die Beteiligung des Arbeitgebers, und da muss ich das Aschrottheim loben. Ich wurde für Weiterbildungen freigestellt und das Aschrottaltenheim hat mir diese Weiterbildung finanziert.

Heute ist es an der Tagesordnung, dass wir unsere Hilfskräfte zu examinierten Fachkräften weiterausbilden, wenn sie dies wollen.

Um die Attraktivität der Pflegeberufe zu steigern, müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Gut ist schon mal, dass jetzt kein Schulgeld mehr erforderlich ist. Ein Nachteil ist nach wie vor, dass Ausbildung und Weiterbildung in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt und oft schwer vergleichbar sind. Eine bundesweite Systematisierung der Ausbildungswege wäre schön.

Wie kann man sicherstellen, dass Tariflöhne bei den Beschäftigten ankommen?

Ottmann: Tariflöhne sind für die Arbeitgeber ein finanzielles Risiko. Steigen die Löhne etwa an Kliniken, gleichen die Krankenkassen die Mehrkosten nicht voll aus. Eine Refinanzierbarkeit ist nicht gegeben. Ein Heim müsste die Mehrkosten auf seine Entgelte umlegen und hätte so einen Wettbewerbsnachteil.

Einen Schritt in diese Richtung hat das Bundesland Hamburg bereits gemacht: Dort erhalten Anbieter, die nachweisen, dass Pflegekräfte Tariflöhne bekommen, höhere Pflegesätze. Die Pflege- und Krankenkassen müssten ihren Beitrag leisten, sollen Pflegekräfte mehr Lohn bekommen.

Wie sieht es mit der Ausbildung aus?

Ottmann: Wir waren schon einmal in der glücklichen Situation, 16 Azubis zu haben, zurzeit sind es elf. Wir kooperieren mit Lehrstätten wie der Awo-Schule und der DAA-Schule, sind aber offen für alle. Viele unserer Kräfte sind auf diesem Wege ausgebildet worden.

Immer wieder wird davon gesprochen – und es gibt auch schon Vorstöße – Ausländische Kräfte nach Deutschland zu holen. Was halten Sie davon?

Ottmann: Wir haben uns beteiligt, als die Awo spanische und bulgarische Arbeitskräfte nach Kassel geholt hat. Wir sind da sehr aufgeschlossen. Ich muss aber sagen, dass die ausländischen Praktikantinnen bei uns kein Durchhaltevermögen hatten.

Größer ist das sprachliche Problem, die Sprachbarriere. Mit den Bewohnern Deutsch sprechen zu können, ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit. Ich würde jedem eine Chance geben, aber wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, ist kein Austausch möglich. Vor allem im Umgang mit dementen Menschen ist das wichtig. Es geht um Empathie. Das kann ohne Sprache nicht funktionieren.

Was wünschen Sie sich?

Ottmann: Konkret: ausreichend Personal. Ich wünsche mir aber auch, dass die viel beschworene Aufwertung des Berufs nicht nur theoretisch geschieht. Angemessene Entlohnung wäre wünschenswert. Dies müsste mit einer Refinanzierung durch die Kassen gewährleistet sein.

Und noch etwas wäre wünschenswert: eine unabhängige Begutachtung für den Pflegegrad. Viele Menschen sind nach meinen Erfahrungen nicht im richtigen Pflegegrad eingestuft. Und davon hängen ja die Finanzen und damit auch der Personalschlüssel ab.

Es sind die Pflegekasse, die die Einstufung vornehmen. Die können gar nicht objektiv sein, denn sie verfolgen ja auch eigene Interessen.

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