Reportage: Der angeklagte Anwalt zeigt sich als Opfer

Prozess gegen Bernd Hoppe: Ex-OB-Kandidat vor Gericht wie ein Häufchen Elend

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Ein in sich gekehrter Angeklagter: Dr. Bernd Hoppe (links) im Gerichtssaal. Rechts sitzt sein Verteidiger Ulrich Blume.

Kassel. Vor einem Jahr wollte Bernd Hoppe Kasseler Oberbürgermeister werden. Nun ist der Anwalt wegen Untreue angeklagt. Am ersten von drei Verhandlungstagen bot er am Landgericht ein Bild des Jammers.

Es ist gleich neun Uhr, und die schon anwesenden Prozessbeobachter im hintersten Winkel des Landgerichts Kassel stellen sich bereits die Frage: Kommt er überhaupt? Dann aber biegt Bernd Hoppe um die Ecke, in sich gekehrt, langsam, eine schwarze Tasche um die Schulter. Er ist kein Fremder hier, und doch ist alles anders.

Hoppe war bis vor Kurzem als Rechtsanwalt tätig, ehe die Zulassung widerrufen wurde. Heute ist er als Angeklagter hier. Hoppe soll Geld, das er anlässlich seiner beruflichen Tätigkeit als Rechtsanwalt vereinnahmt hatte, nicht pflichtgemäß verwendet haben. Untreue. Es geht um einen Betrag von 200 000 Euro.

Hoppe hat jetzt den Gerichtssaal betreten; es sind eine Reihe von Journalisten und anderen Besuchern vor Ort. Zwei Fotografen machen Fotos von Hoppe. Er ist das gewohnt, weil er schon oft im Blickpunkt stand: als Vorsitzender der Kasseler SPD, als Bürgermeister-Kandidat, als Oberbürgermeisterkandidat, als Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler und Piraten.

Heute aber geht es nicht um ein Amt, sondern um die Verhandlung einer Straftat. Hoppe steht lange Zeit – so verhindert er Bilder von ihm auf der Anklagebank. Aber ist er auch aufrecht? Er schaut meist zu Boden, kurz bespricht er sich mit seinem Anwalt. In der Regel trägt er eine rote Krawatte zum schwarzen Anzug, heute ist die Krawatte blau. Nicht Aggression ist angesagt, Hoppes Grundstimmung ist depressiv.

Der Beginn

Es ist fast ein Häufchen Elend, das da auf der Anklagebank sitzt. Während Oberstaatsanwalt Götz Wied die Anklageschrift verliest, scheint es, als schließe Hoppe die Augen. Dann ist Hoppe dran. Er will im Stehen sprechen. „Da fühle ich mich wohler.“

Was er dann mit fast weinerlicher Stimme bietet, ist ein Jammerstück, in dem er als Opfer die Hauptrolle spielt. Seit er Klassensprecher war, sagt Hoppe und faltet die Hände, habe er sich stets ehrenamtlich engagiert. Er sei nicht der habgierige Anwalt, als der er jetzt erscheine. Natürlich habe er Fehler gemacht – und sich so verhalten, wie es ein Anwalt normalerweise nicht tue. Aber dass seine „bürgerliche und geschäftliche Existenz“ nun zerstört sei, daran hätten die Presseveröffentlichungen schuld. „Ich wurde geteert und gefedert.“

Wie konnte es aber passieren, dass einer, der Volljurist ist, der in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung den Magistrat fragt, wie es denn zu den vielen kriminellen Handlungen in der City kommen kann, dass er nun selbst der Angeklagte ist?

Hoppe erklärt das mit einer Art jahrelangem Blackout. Er sei wie gelähmt gewesen, konnte nicht das Ruder rumreißen, als das Geld, das ihm nicht gehörte, auf seinem Konto angekommen war.

Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe

Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
 © Andreas Fischer
Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
 © Andreas Fischer
Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
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Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
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Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
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Prozess gegen Dr. Bernd Hoppe. Der Kasseler Stadtverordnete Dr. Bernd Hoppe steht ab heute vor dem Landgericht. Der Prozess hat kurz nach 9 Uhr begonnen – und wurde sogleich unterbrochen. Der Staatsanwalt bat um eine kurze Pause wegen gesundheitlicher Probleme. Nach 10 Minuten soll die Verhandlung gegen den einstigen Kasseler Oberbürgermeisterkandidaten fortgesetzt werden.Foto: Andreas Fischer
 © Andreas Fischer

Nochmal: Wie konnte es dazu kommen? Hoppe: „Die Frage habe ich mir selbst 1000 Mal gestellt.“ Eine nachvollziehbare Antwort hat er offensichtlich nicht gefunden.

Seit 2013 habe er jede Sekunde an das Unrecht, das er anrichtete, gedacht. Hoppe, so sagt er, wusste, dass es eines Tages offenbar würde, dass alles immer nur immer schlimmer würde. Er tat aber nichts. Er war einer, der in sein Unglück zu rennen schien.

Vor allem wurde er aber so zum Täter, der Opfer hinterließ. Den Mann etwa, der sich verschulden musste, um die Erbschaftssteuer zu zahlen. Das wollte er eigentlich mit dem Aktienfonds machen, den seine Cousine ihm neben einer Eigentumswohnung hinterlassen hatte. Doch das Geld kassierte der Testamentsvollstrecker Hoppe.

Nun will Hoppe vieles wiedergutmachen. Er will zwei, drei Eigentumswohungen verkaufen, damit seine Opfer doch noch zu ihrem Recht kommen. Er sagt das, wie immer an diesem Tag, mit ganz leiser Stimme. Er ringt mit den Händen. Und manchmal holt er ganz tief Luft. Die Stimmung ist dunkel wie die Krawatte. Ein Zeuge sagt: „Meine Hoffnung ist, dass ich nun doch irgendwie noch was kriege.“

Oberstaatsanwalt mit Sackkarre: Götz Wied kommt mit einem Berg von Akten in den Gerichtssaal.

Das Ende von Tag 1

Der erste Verhandlungstag endet um kurz nach halb drei. Vor dem nächsten Termin am Freitag wollen die Prozessbeteiligten nochmal intern sprechen: Gericht, Angeklagter, Staatsanwalt. Dabei könnte ein Handel erörtert werden. Wiedergutmachung gegen geringere Strafe?

Hoppes Vermögen

Nach eigenen Angaben hat Dr. Bernd Hoppe, wenn man die Vermögenswerte gegen die Verbindlichkeiten in Relation setzt, ein stattliches Vermögen. Es habe sich 2017 auf 367 000 Euro belaufen. Im Jahr davor seien es 384 000 Euro gewesen.

Sein Vermögen fußt auf drei kleinen Eigentumswohnungen in Gießen, dazu kommt sein Einfamilienhaus in Kassel-Harleshausen, das je zur Hälfte ihm und seiner Ehefrau gehöre, sagte Hoppe gestern vor Gericht. Dazu komme ein Bausparvertrag über 2200 Euro und eine Lebensversicherung von 20 000 Euro.

Der Gewinn seiner Kanzlei habe in den letzten Jahren bei durchschnittlich 45 800 Euro gelegen, erklärte Hoppe. Das macht einen monatlichen Gewinn von rund 3800 Euro.

In der Zeit, in der Hoppe laut Anklage das Geld seiner Mandanten veruntreute, sei Hoppes Geschäftskonto häufig im Minus gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Gert Rinninsland.

Hoppe erklärte, nach den Veröffentlichungen in der Presse sei seine berufliche Existenz nun zerstört. Die Anwaltskammer hat eine Art Berufsverbot gegen ihn erlassen. Arbeiten könnte Hoppe als Jurist etwa in Firmen.

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