Ausverkauf bis Ende April

Aus für die Böttchers: Letztes Kasseler Pelzgeschäft schließt

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Die Letzten ihrer Branche in weitem Umkreis: Gerhard und Erika Böttcher haben eine treue, aber schwindende Stammkundschaft.

Kassel. Es ist das letzte Fachgeschäft seiner Art in weitem Umkreis, und Ende April wird auch für Pelz-Böttcher in Kassel endgültig Schluss sein.

Erika und Gerhard Böttcher haben in ihrem traditionsreichen Laden an der Wolfsschlucht schon die Ausverkaufsschilder ins Schaufenster gehängt.

Noch in den 1980er-Jahren gab es in Kassel etwa zehn Läden, die Pelzkleidung anfertigten, änderten und verkauften. „Einer nach dem anderen hat aufgehört“, sagt der Kürschnermeister. Auch aus dem Angebot der Modehäuser sind Pelzjacken und -mäntel nahezu völlig verschwunden. Erika Böttcher kennt den Grund: „Aus reiner Angst vor Protesten.“

Problematisches Image

Pelz hat ein problematisches Image bei vielen Kunden. Aktivisten werden nicht müde, das Tragen von Pelz häufig auch mit Schock-Methoden anzuprangern, weil das ihrer Überzeugung nach automatisch mit quälerischen Tierhaltungsbedingungen einhergeht. Auch Böttchers haben solchen Gegenwind schon erfahren.

Ihr Geschäft, das sie vor fast 30 Jahren übernommen haben und das seit 1952 an der Wolfsschlucht besteht, schließen sie jedoch aus anderen Gründen. Beide Böttchers sind 76 Jahre alt und somit längst reif für den Ruhestand. Sohn und Tochter haben zwar Kürschner gelernt, sich aber jeweils beruflich anders orientiert.

Der Mietvertrag für den Laden sei zuletzt nur noch jahresweise fortgeschrieben worden, erzählt Gerhard Böttcher. Jetzt aber wolle der Hauseigentümer klare Verhältnisse und habe den Vertrag nicht erneut verlängert. „Ich hätte wohl noch ein, zwei Jahre weitergemacht“, sagt Böttcher, lässt aber durchblicken, dass ihm der Anstoß von außen nicht ungelegen kommt.

13 Angestellte hatte seine Firma in früheren Zeiten, als auch noch ein Pelzhandel und eine auswärtige Filiale dazu gehörten. Heute genügt dem Inhaberpaar eine Mitarbeiterin, um eine Stammkundschaft zu bedienen, die teils von weither anreist. Die Kundinnen sind vorwiegend im reiferen Alter.

Lange Haltbarkeit

Aber es kommen laut Erika Böttcher auch junge Frauen, die sich ein Erbstück umarbeiten oder einen Pelzkragen austauschen lassen, statt tausende Euro für einen neuen Nerz oder Persianer aufzuwenden. Die lange Haltbarkeit von Pelzkleidung – 30 Jahre sind kein Problem – macht es möglich, die Stücke immer wieder modisch anzupassen. Solche Änderungen im eigenen Atelier machen bei den Böttchers einen guten Teil der Geschäfte aus.

Dennoch hat die Branche einen schweren Stand, nicht nur wegen des Gegenwindes von Tierrechtlern. Kürschnermeister Böttcher zählt weitere Gründe auf: „Pelz war immer ein Prestige-Artikel. Doch die Statussymbole haben sich gewandelt.“ Auch was die Kälteschutz-Qualitäten betrifft, seien neuartige und zudem preisgünstigere Modematerialien als Alternative aufgekommen.

Und der Tierschutz? Böttcher verweist zu dieser Frage auf das Eigeninteresse der zertifizierten Pelzzuchtbetriebe, die Fachgeschäfte wie seines beliefern: „Schlechte Haltung würde zu schlechter Ware führen.“ Und somit zu Einbußen beim Erlös für den kostbaren Rohstoff.

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