Pracht und Untergang

Legendärer Veranstaltungsort: Ballsaal am Hotel Reiss in Kassel wird abgerissen

Kassel. Das Gebäude hat im Laufe von Jahrhunderten Glanz und Gloria erlebt, Untergang und Wiederaufbau: Dem Ballsaal am Hotel Reiss, vormals bekannt als Kaisersäle, steht jetzt das endgültige Aus bevor.

Wie einer der Eigentümer des Hotel Reiss, der Investor Moshe Sand, jetzt mitgeteilt hat, soll der Ballsaal für den Bau eines neuen Apartment-Hauses an dieser Stelle weichen. Sand hatte zuletzt vor fünf Jahren das stilvoll renovierte Hotel Reiss zur documenta 13 wiedereröffnet, nachdem es zuvor zum Schandfleck geworden war. Die Abrissarbeiten für den Saalanbau hat Sand bereits für März angekündigt. Anlass für uns zurückzublicken:

„Kaisersäle, das größte und vornehmste Spezialitäten-Theater Mitteldeutschlands“, so warb nur wenig übertrieben der Hotel-Reiss-Vorgänger, das Hotel Kaiserhof, 1913 in der Zeitung als Veranstaltungsort. Das Varieté in den Kaisersälen, wie der Ballsaal zuvor hieß, war weit über die Region hinaus berühmt. Im großen Saal befand sich eine hohe Bühne, daneben gab es mehrere Nebenräume.

Video: Altes Kino über dem Ballsaal

Kunstvolle Kapitelle: Die historischen Überreste der Saalarchitektur waren vor dem Umbau gut sichtbar.

Großes Bedauern über das Verschwinden des Saalbaus äußert der Kasseler Historiker Dr. Christian Presche. Für ihn gehe es nicht nur um den heute bekannten Ballsaal des Hotels Reiss, den bereits veränderten Bode-Saal. Darüber, so Presche, befinde sich aber noch die historische Saalarchitektur mit den kriegsbeschädigten Wandgliederungen aus der Zeit um 1900. „Die ist mit ihren Doppelpilastern und Bogenansätzen der Voutendecke meines Erachtens noch viel interessanter.“ Der heutige Ballsaal entsprach der früheren Parterre-Ebene, die jetzige Zwischendecke der alten Emporenhöhe.

Überhaupt war das alte Hotel Kaiserhof an der Bahnhofstraße 24 (heute Werner-Hilpert-Straße) „hochinteressant“, so Presche: Der Kernbau (an der Stelle des Reissschen Hauptflügels) wurde um 1886 nach Entwürfen der Kasseler Architekten August Rebentisch (1846-90) errichtet. Er zeichnete in Kassel unter anderem auch für den Kernbau des Elisabethkrankenhauses an der Frankfurter Straße und die Vogtsche Mühle (um 1887) verantwortlich, die er in einem ähnlichen neugotischen Stil entworfen hatte.

Seine architektonische Handschrift tragen außerdem zahlreiche Villen und Mietshäuser in Kassel, etwa die Scheldtsche Villa (Akazienweg 7, um 1888, jetzt Teil des Engelsburg-Gymnasiums), das Hölkesche Haus (Friedrichsstraße 36, um 1879), die Villen Marienstraße 8 (1880) und Heckerstraße 32 (um 1885-87). Der Saalbau für die Kaisersäle wurde dem Hotel Kaiserhof erst um 1900 angefügt.

Damals ging man in die Kaisersäle durch ein großes separates Eingangsportal, das kurz nach dem Saalbau als Erweiterungsbau an des Hotel Kaiserhof errichtet worden war.

Ballsaal am Hotel Reiss: Wechselvoll durch die Jahrhunderte

Das Hotel Reiss und sein Ballsaal haben eine facettenreiche Geschichte. Das Haus bewegt sich seit seiner Erbauung 1952 – der Entwurf für das Haus stammt von Paul Bode und Ernst Brundig – zwischen großem Glanz und tristem Leerstand. Bereits davor gab es eine glanzvolle Hotelgeschichte:

Im 19. Jahrhundert war an gleicher Stelle das imposante Hotel Kaiserhof errichtet worden. In den „Kaisersälen“ wurden Operetten, Lustspiele und Possen aufgeführt. Ballsaal und Hessenklause waren beliebte Treffpunkte. Das Haus fiel dem Bombenangriff 1943 zum Opfer.

Auf den Trümmern des Palasthotels Kaiserhof am Bahnhofsplatz wurde das Hotel Reiss gebaut. Georg Reiss, der dem Haus bereits vor dem Krieg verbunden war, ließ es im neuen Stil der 1950er-Jahre wieder aufbauen. 

Seinen ersten Ansturm erlebte es bei der Bundesgartenschau 1955. Populär ging es weiter: Die Bälle, die der Kasseler Kino-Mogul Gerhard Theurich im großen Saal für Stars und Sternchen organisierte, waren bald legendär. Marika Rökk, Heinz Rühmann und Pierre Brice, Walter Giller und Uschi Glas kamen zu Premierenfeiern ins Reiss.

1981 übernahm die Dorint-Hotelgesellschaft das Haus. In den 1990er-Jahren entwickelte sich das Traditionshaus zum kostspieligen Sanierungsfall und wurde geschlossen,

Ein kurzes Wiederaufleben von Hotel und Ballsaal ab es zur Documenta 11 im Jahr 2002. Unter Regie des Kasseler Szenewirts Ralph Raabe (Lolita-Bar/A.R.M.) avancierte es einen Sommer lang zum Szene- und Kulturtreff. Brandschutzauflagen machten dem Erfolg ein Jahr später ein Ende. Leerstand und Vandalismus führten bald dazu, dass das Haus zu einem Schandfleck wurde

2006 kam es unter den Hammer. Der israelischer Geschäftsmann Moshe Sand und die Investorengruppe Sanas Reiss erwarben es 2009 und investierten in seine Sanierung mehrere Mio. Euro. Wiedereröffnung war am 1. Februar 2012. Zwei Monate später wurde auch der im 70er-Jahre-Style renovierte Ballsaal eröffnet. Federführend für die Sanierung war das Kasseler Architektenbüro Sprengwerk. Sands Ziel war es, das Hotel Reiss als Vier-Sterne-Haus wieder in die Erste Liga zu führen. Der Ballsaal wandelte sich in einen Spielort für Musik, Kunst, Theater und Clubbing. Bands wie „Fettes Brot“ traten dort auf.

Hintergrund: Operetten und Varieté

Das Varieté Kaisersäle war ab 1913 in der Region Kassel bekannt und beliebt. Für Schwung hatte der neue künstlerische Leiter Heinrich Körber (1872-1950) gesorgt. Er übernahm später auch die Leitung des Hotels und machte den Veranstaltungsort berühmt. Auf dem Programm standen auch Operetten wie Walter Kollos „Wie einst im Mai“, die „Csàrdàs-Fürstin“, das „Schwarzwaldmädel, die „Ungarische Hochzeit“,, die „Lustige Witwe“ und „Viktoria und ihr Husar“. 

Für das Varieté engagierte er bekannte Zauberer, organisierte Ringkämpfe und Maskenbälle. Das zog die Massen an. Körber war Mitbegründer und Ehrenmitglied des Internationalen Varieté-, Theater- und Zirkusdirektorenverbands. Nach seinem Rückzug Mitte der 1920er Jahre verlor der Veranstaltungsort immer mehr an Profil, bis schließlich im großen Saal nur noch das „Palast-Theater“ Kinofilme zeigte.

Körber war es auch, der in den 1920er Jahren Georg Reiss nach Kassel holte und ihm einen Teil seiner Pacht abtrat: Es war unter anderem der Beginn des späteren Lokals „Oberbayern“, das in den Kellergewölben unter dem großen Saal eingerichtet war und später als „Löwenburgkeller“ bekannt wurde.

Das sagt der Historiker: Ballsaal einzigartiges Zeugnis

Der Konzert- und Theatersaal am Hotel Reiss ist in Kassel heute das einzige Zeugnis für die großen Säle, die damals für Gastronomie und Kleinkunst genutzt wurden und die ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens der Provinzhauptstadt waren, sagt Historiker Dr. Christian Presche. 

Heute ist nur noch das ehemalige Reichshallentheater erhalten, aber mit völlig verändertem Saal (Friedrich-Ebert-Straße 102, aus den 1870er-Jahren, heute Kirche im Hof). Nicht mehr vorhanden sind die Hanusch-Säle (Ständeplatz 3) und die Stadtpark-Säle (Garde-du-Corps-Straße 4 1/2), sodass wir hier die letzten Reste für das Innere derartiger Saalbauten haben. 

Die Gestaltung der Kapitelle ist künstlerisch von Interesse, indem die klassischen Architekturformen solcher Säle, die sich Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatten, zwar immer noch beibehalten, aber bereits modifiziert wurden. Leider steht der Saalbau nicht unter Denkmalschutz, was er als Zeugniswert verdient hätte.

Rubriklistenbild: © Eberth

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