Erdaushub und belastete Böden

Baubranche in der Region Kassel klagt über knappen Deponieraum

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Verlangt Autofahrern viel Geduld ab: die Baustelle im Kreuzungsbereich Druseltal-, Bertha-von Suttner- und Eugen-Richter-Straße. Die Bauarbeiten sollen sich bis Herbst kommenden Jahres hinziehen. 

Kassel. Knapper Deponieraum für belasteten Erdaushub und die dadurch steigenden Entsorgungskosten sowie die strenge Klassifizierungsmethodik stellen die Bauwirtschaft vor immer größere Probleme.

Das treibt die Baukosten in die Höhe. Nach Schätzung des Vorsitzenden des Verbands baugewerblicher Unternehmer, Thilko Gerke, und der Vorsitzenden des Bezirks Nordhessen des Bauindustrieverbands, Dr. Anne Fenge, machen die Untersuchung und Entsorgung gering belasteter Böden bei einem Einfamilienhaus mittlerweile zehn Prozent der Gesamtkosten aus – Tendenz weiter steigend. 

Thilko Gerke

Im Tiefbau, bei dem tausende von Tonnen deponiepflichtigen Materials anfallen, sind es laut Gerke und Fenge bis zu 30 Prozent. „Das ist Wahnsinn, was da privaten, gewerblichen und öffentliche Bauherrn zugemutet wird“, sagt Gerke. Die Teuerungsraten am Bau gehen nach seinen Angaben fast ausschließlich auf das Konto der Bodenproblematik. 

Dabei geht es nicht um von Menschen verursachte Kontaminierungen, sondern um natürliche Belastungen etwa durch Schwermetalle oder andere in der Natur vorkommende Stoffe. Nach Ansicht vieler Fachleute sind die Entsorgungsauflagen zu hoch. Im Zusammenspiel mit dem knappen Deponierraum – in Nordhessen nimmt nur die Kirschenplantage in Hofgeismar in beschränktem Umfang derart belastete Böden an – haben sich die Entsorgungskosten in den letzten Jahren vervielfacht. 

Gleichzeitig ist ein florierender Entsorgungstourismus nach Menteroda in Thüringen und ins Ruhrgebiet entstanden. „Ökologisch fatal“, so Fenge. Ganz zu schweigen von den fehlenden Lkw-Kapazitäten. Sie und Gerke fordern daher nicht nur die Ausweisung neuen Deponieraums, sondern auch eine Lockerung der Entsorgungspraxis. So könnten Böden deponieschonend und ohne Gefahr für Mensch und Umwelt im Radwegebau oder für Lärmschutzwälle verwendet werden.

Heimischer Bauwirtschaft geht es gut

Der heimischen Bauwirtschaft geht es so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht. Eine boomende Konjunktur, historisch niedrige Zinsen und konsum- und investitionsfreudige Verbraucher sorgen für eine starke Nachfrage nach Bau-, Ausbau- und Umbauleistungen.

Dr. Anne Fenge

Aber wo Licht ist, sind auch Schatten. Denn vielfach kommt die Branche gar nicht hinterher. Grund ist der zunehmende Fachkräftemangel. Wie in zahlreichen anderen Gewerken und in Teilen von Industrie und Dienstleitungsgewerbe sind gute Leute rar, Lehrstellen bleiben unbesetzt, und rasche Abhilfe ist nicht in Sicht.

„Wir müssen mit den Kapazitäten zurechtkommen, die wir haben“, beschreibt Thilko Gerke, der Vorsitzende des Verbands baugewerblicher Unternehmen in Stadt und Kreis Kassel und Chef des Traditionsbetriebs Rennert die Situation. Und die Vorsitzende des Bezirks Nordhessen des Bauindustrieverbands, Dr. Anne Fenge, betont: „Jammern hilft nicht. Wir nehmen nur so viel Arbeit an, wie wir schaffen können“. Ihr Unternehmen, die Kasseler Hermanns AG, sei bis zum Jahresende ausgelastet.

Die Betriebe sind nicht die einzigen, die unter dem Fachkräftemangel leiden. Auch in den staatlichen und kommunalen Bauämtern fehlen Ingenieure und Techniker, wodurch sich Genehmigungs- und Planungsverfahren in die Länge ziehen. Die Branche zeigt Verständnis für die zuweilen überforderten Ämter. „Wir haben so viel Bautätigkeit wie lange nicht. Das müssen die Behörden mit der bestehenden Personalstärke abarbeiten. Das ist nicht einfach“, erklärt Gerke.

Und Fenge ergänzt: „Die können ja nicht einfach Leute einstellen, die sie nach Ende des Baubooms wieder entlassen müssten. Im Übrigen kriegen sie ja keine Leute“. Unter den gegebenen Umständen laufe das Genehmigungswesen in der Region „sehr gut“.

Parallelität von Baustellen oft nicht vermeidbar

Gleichzeitig verteidigen die beiden Unternehmer die vielfach kritisierte Gleichzeitigkeit großer Straßenbau-Projekte, die vielfach zu starken Verkehrsbehinderungen führt. Die Parallelität ist nach Angaben Gerkes nicht zu vermeiden. Oft müssten Fördergelder fristgerecht verbaut werden, sonst verfielen sie. Bei andere Projekten sei Aufschub aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

Gleichzeitig geht der Trend zu größeren Losen. Der Grund: verschärfte Arbeitschutzbestimmungen, die auf größeren Baustellen eher eingehalten werden könnten als in kleineren, engen Abschnitten. Und im Falle der Druseltalstraße helfe das Klagen nichts. „Die Kanäle sind 80 Jahre alt und müssen raus“, so Gerke. Und Anne Fenge fügt hinzu: „Man kann nicht alles in die Ferienzeit packen“. Bauämter und Betriebe seien stets bemüht, die Belastungen so gering wie möglich zu halten. Aber ohne Beeinträchtigungen seien Straßen- und Tiefbau nicht möglich.

Im Bauindustrieverband sind zumeist die größeren, im Verband baugewerblicher Unternehmen die eher kleineren Betriebe organisiert. Sie beschäftigten zusammen etwa 10 000 Mitarbeiter in Nordhessen, davon rund 2500 in Stadt und Kreis Kassel. Die Zahl der Beschäftigten der Branche in der Region ist aber weit größer, da viele Betriebe und Einzelunternehmer weder in dem einen noch in dem anderen Verband Mitglied sind.

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