Zu wenige Hebammen

Beratungen gefragt: Junge Eltern in und um Kassel brauchen Hilfe

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Ein herzliches Willkommen und viele Informationen: Begrüßungsbesucherin Petra Haas vom Kasseler Gesundheitsamt überreichte auch Familie Mohammed aus Kassel den Ordner, an dem Töchterchen Dania schon Interesse zeigte. Das Foto entstand im vergangenen Oktober.

Familien mit kleinen Kindern in Kassel und dem Umland sind zunehmend auf Unterstützung angewiesen, um ihren Alltag zu bewältigen.

Kinderärzte, Hebammen und Beratungsstellen beobachten einen steigenden Bedarf an Begleitung und Hilfe bei den Eltern – auch abseits der Familien mit besonderen Problemlagen.

Einen Grund für den wachsenden Unterstützungsbedarf sieht Thomas Lenz, Obmann der nordhessischen Kinderärzte, darin, dass Großeltern häufig nicht mehr in der Nähe leben. Früher seien innerhalb der Familie Erfahrungen weitergeben und Engpässe überbrückt worden. Zum Problem trage auch bei, sagt Lenz, dass nicht alle Familien eine Hebamme für die häusliche Betreuung nach der Geburt finden. In Kasseler Krankenhäusern wurden im vergangenen Jahr 4486 Babys geboren, 2073 davon mit Elternhaus in Kassel.

Informationsflut im Internet verwirrt häufig

Der Vellmarer Kinderarzt beobachtet eine seit einigen Jahren wachsende Verunsicherung bei frischgebackenen Eltern. Das bestätigt Beate Koschinski-Möller vom Hessischen Hebammenverband in Kassel. „Die Frauen stehen mit viel mehr Fragen da.“ Manche Mütter wirkten regelrecht unbeholfen und trauten sich die Versorgung des Kindes kaum zu.

Ein Problem sei dabei die Informationsflut im Internet, die häufig eher Verwirrung stifte, statt Klarheit zu bringen. Dass viele Eltern bei jeder Kleinigkeit googeln, beobachtet auch Kinderarzt Lenz. „Ich vermisse zunehmend das Vertrauen auf die eigene Intuition.“

In den städtischen Kitas wird nach Auskunft eines Rathaussprechers ebenfalls ein verstärkter Wunsch nach Beratung für Eltern wahrgenommen – in Erziehungsfragen, aber auch zu Themen wie dem Bildungs- und Teilhabepaket, Wohngeld oder Beistandschaft für Alleinerziehende. Um Unterstützungsbedarf in Familien früh zu erkennen, gibt es in Kassel seit zehn Jahren das Angebot „Willkommen von Anfang an“. Die Zahl der darüber vermittelten Familienhebammen zur Unterstützung im ersten Lebensjahr hat sich seit 2013 vervierfacht auf zuletzt 72 betreute Familien.

1400 Erziehungsberatungen im Jahr

Nach Angaben des Kasseler Jugendamts wurden im vergangenen Jahr 1427 Erziehungsberatungen in den Beratungsstellen in Anspruch genommen. Im Landkreis gibt es zurzeit 533 Fälle. Die Zahlen steigen seit Jahren stetig an, im Landkreis im letzten Jahr um 11,5 Prozent. Zudem wurden in 813 Kasseler Familien ambulante Hilfen zur Erziehung geleistet.

Lotsen für das Leben als Familie

Zehn Jahre alt und nach wie vor im Säuglingsalter: Das Programm „Willkommen von Anfang an“ der Stadt Kassel feiert runden Geburtstag. Seit 2009 bietet es Eltern nach der Geburt des ersten Kindes Orientierung und Unterstützung in der besonderen Lebensphase.

Trauriger Anstoß waren seinerzeit zwei Todesfälle von Kleinkindern in Kassel und Bremen. So war 2005 in Rothenditmold der einjährige Marcel von seinem Vater totgeschlagen worden. Man wollte ein Präventionsangebot schaffen, um Schieflagen in Familien frühzeitig zu erkennen und Unterstützung zu leisten, bevor die Gesundheit von Kindern gefährdet ist, sagt Regine Bresler, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel.

Regine Bresler, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel

Die Antwort: Ein Serviceangebot für alle frischgebackenen Eltern in der Stadt, mit dem man auch ein „Signal der Wertschätzung“ vermitteln wolle, so Koordinatorin Gabriele Haase. Im Zentrum stehen die Begrüßungsbesuche bei Familien mit dem ersten Baby.

Mehr als 7000 Neugeborene wurde auf diese Weise in den vergangenen zehn Jahren willkommen geheißen – zuletzt 900 bis 1000 im Jahr. Die Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts haben dabei neben kleinen nützlichen Geschenken für das Baby – vom Waschlappen bis zur ersten Zahnbürste – vor allem jede Menge Informationen im Gepäck.

Ein Ordner ist der Bestseller

Gebündelt sind sie in einem Ordner, den viele werdende Eltern schon in der Schwangerschaft von Frauenarzt oder Hebamme erhalten, um zuverlässige Antworten auf alle Fragen rund um den neuen Lebensabschnitt zur Hand zu haben. Auch wichtige Anlaufstellen für Familien in der Stadt sind darin aufgelistet. Die Publikation, die laufend aktualisiert wird, ist mit mehr als 9000 ausgegebenen Exemplaren eine Art lokaler Bestseller, der inzwischen auch von Familien außerhalb der Stadt angefragt wird. 

Beim persönlichen Besuch zu Hause könne man zudem auf die individuellen Bedürfnisse und Fragen der Eltern eingehen und erreiche auch Familien, die nicht so gern lesen, sagt die langjährige Begrüßungsbesucherin Petra Haas, die sich als „Lotsin im System“ versteht. Die Vermutung, dass Probleme in sozial schwachen Quartieren häufiger sind, könne sie nicht bestätigen. Die Armut sei in der Stadt zwar ungleich verteilt, sagt Haase: „Aber Zuwendung zum Kind ist nicht vom Einkommen abhängig.“

Gabriele Haase, Koordinatorin „Willkommen von Anfang an“

Nachgefragt sei die Beratung zu Klassiker-Themen wie Beikost, motorischer Entwicklung oder Kinderbetreuung, sagt Haas. Seit einiger Zeit gebe es Aufklärungsbedarf zum Medienkonsum mit Kind. „Wir erklären dann, dass Sprachvermittlung nicht über Fernsehen oder Handy läuft und Emotionen beim Kind nur über den direkten Blickkontakt geweckt werden“, sagt Haas.

Dass rund 90 Prozent der angeschriebenen Familien das Besuchsangebot annehmen, sehen die Verantwortlichen im Gesundheitsamt auch als Bestätigung. Zum Geburtstag wäre aber auch noch ein Wunsch offen: nämlich die Begrüßungsbesuche auch bei der Geburt des zweiten oder dritten Kindes anbieten zu können. Dann sei zwar die Unsicherheit der Eltern im Umgang mit dem Baby meist geringer, dafür stiegen die Belastungen in den Familien, so Regine Bresler. Doch das aktuelle Budget von 165 000 Euro für das Programm lässt eine Erweiterung bisher nicht zu.

Alle Informationen aus dem Ordner und zu dem Programm gibt es online unter gesundheitsamt.kassel.de , Suchbegriff „Willkommen von Anfang an“

Feier mit Vorträgen

Das zehnjährige Bestehen von „Willkommen von Anfang an – Gesund Kinder in Kassel“ wird am Mittwoch, 21. August, mit einer Vortragsveranstaltung gefeiert. Sie findet von 13 bis 17.30 Uhr im Saal der Volkshochschule statt, Wilhelmshöher Allee 19-21. Die Vorträge: „Welche Eltern braucht das Kind?“ von Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff (Freiburg) und „Die ersten 1000 Tage“ von Dr. Gabriele Trost-Brinkhues (Aachen). Der Eintritt ist frei.

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