Unterstützung vom Gesundheitsamt 

Betroffene mit gespaltenen Persönlichkeiten gründen Selbsthilfegruppe

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Leben mit vielen Persönlichkeiten: Menschen wie die beiden Kasselerinnen Anne und Julia leiden aufgrund jahrelanger massiver Gewalt und Missbrauch unter der sogenannten Dissoziativen Identitätsstörung. Betroffene haben mehrere Persönlichkeiten, darunter häufig auch ein Kind.

Die beiden Kasselerinnen Anne und Julia leiden unter aufgrund jahrelanger massiver Gewalt und Missbrauch unter der sogenannten Dissoziativen Identitätsstörung.

Die Betroffenen haben mehrere Persönlichkeiten, darunter häufig auch ein Kind. Nun haben sie mithilfe der Kiss Kassel eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Während andere bei Regen ihren Schirm aufspannen, nimmt Anne auch mal Anlauf und springt mit einem lauten „Huiii“ in die nächste Pfütze. Damit zieht sie verwunderte Blicke oder auch Kopfschütteln anderer auf sich, denn Anne ist kein Kind mehr. „Dass eine Erwachsene einfach in eine Pfütze springt, stößt auf Befremden“, sagt die 35-Jährige. Dafür könne sie aber nichts. Denn eine andere Person in ihr, nämlich ein Kind, hat für einen kurzen Moment die Kontrolle über Anne übernommen. Steuern kann Anne das nicht, sich danach daran zu erinnern, fällt ihr schwer.

Anne ist „Viele“, erklärt sie: Die 35-Jährige aus Kassel hat eine Dissoziative Identitätsstörung, wie Ärzte sagen. Bekannt ist die psychische Krankheit auch als multiple Persönlichkeitsstörung. Zwischen 30 und 40 Persönlichkeitsanteile begleiten sie im Alltag. Gezählt habe sie sie nicht, sagt Anne. Manche übernehmen täglich die Kontrolle, andere tauchen für Jahre unter.

Wie Anne ist auch Julia, ebenfalls aus Kassel, von dieser psychischen Krankheit betroffen. Ihr ist es schon mehrfach passiert, dass sie sich an Orten wiederfand, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist. „Einmal hatte ich plötzlich einen Eisbecher in der Hand. Aber Bargeld hatte ich nicht dabei“, erzählt sie. „Es war beschämend, mir eine Ausrede einfallen zu lassen und schnell Geld zu holen.“

Mittlerweile seien sie stabil, berichten die beiden Frauen. Durch ihre jahrelange Therapie hätten sie die einzelnen Anteile in ihnen kennengelernt, wüssten, was sie machen, könnten mit ihnen kommunizieren und führen ein geregeltes Leben.

Verursacht wird eine dissoziative Identitätsstörung durch schwerste Gewaltformen, wie sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung, physisch oder emotional – meist über mehrere Jahre hinweg, sagt Julia. In der Regel ist es sexualisierte Gewalt, die zu den Spaltungen führt. Entwickelt werde die Krankheit oft bereits in der Kindheit. Durch die schlimme Gewalt spalten sich mehrere Teile emotional ab, um die Verletzung verarbeiten zu können, sagt Julia. Die grenzen sich klar von anderen Identitäten ab, haben eigene Interessen. Oft habe ein Betroffener ein Kind in sich. Aber auch weibliche und männliche Personen jeden Alters können in den Vordergrund treten.

Diese Form von Persönlichkeitsstruktur wirkt sich auf das gesamte Leben aus, auch auf Freundschaften und Partnerschaften. Sich dauerhaft hinter einer Maske zu verstecken, ist in einer Beziehung nicht möglich, sagt Anna. Es braucht daher einen Partner und Freunde, die einen so annehmen, wie man ist, ergänzt Julia.

Mit Hollywoodstreifen wie „Split“ oder Hitchcocks „Psycho“, in denen Menschen mit einer gespaltenen Persönlichkeit Morde verüben, habe das aber nichts zu tun, sagt Anne. „Menschen, die viele sind, sind hochfunktional.“ Sie selbst sei an einer Universität tätig, Julia arbeite als Sozialpädagogin. Auch Mütter und Väter, Ärzte und Anwälte, die diese Krankheit haben, habe sie schon kennengelernt.

Dennoch: Nicht alle im Umfeld beider Frauen wissen von den multiplen Persönlichkeiten. „Bekommt man einmal einen Psychostempel aufgedrückt, wird man nicht mehr für voll genommen“, sagt Julia. Immer geheim halten können sie es aber nicht. Eine Kollegin habe Anne einmal darauf angesprochen. Ihr sei aufgefallen, dass Anne manchmal mit zehn Fingern tippen konnte, an anderen Tagen jedoch nur mit den Zeigefingern.

Für die Krankheit fehle heute noch Akzeptanz. Auch an Therapieplätzen in Kliniken mangele es sowie an Angeboten für Freizeitaktivitäten. „Man zieht sich zurück“, sagt Anne. Allein an anscheinend harmlosen Fragen, etwa ob sie an Weihnachten ihre Familie besuche, scheiterten oft Freundschaften. „Ich kann ja schlecht sagen: Das geht nicht, weil mein Vater mich zehn Jahre lang jede Nacht missbraucht hat.“

Die beiden Frauen wollen weitere Betroffene erreichen, und haben die Selbsthilfegruppe „Wir sind Viele“ für Frauen mit dissoziativer Identitätsstruktur gegründet. Unterstützt werden sie von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (Kiss) im Gesundheitsamt Region Kassel.

„In der Gruppe geht es nicht darum, über Traumata zu sprechen“, sagt Julia. „Dafür sind die Therapien da.“ Kreative Projekte sollen im Mittelpunkt stehen, wie malen, basteln, kochen. In einem geschützten Raum, in denen die Teilnehmer durchaus anonym bleiben dürfen, sollen Betroffene sich austauschen und frei sein können.

„Auch die Kinder in den Teilnehmern sollen frei sein können. In einem Raum, in dem die anderen Verständnis dafür haben“, sagt Julia. „Wir möchten normal sein können, wie es für unsere eigene Normalität ist“, fügt Anne hinzu.

Service: Kontakt über die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (Kiss) per Telefon 0561/81644222 oder per E-Mail über kiss@kassel.de. Nach der Kontaktaufnahme wird ein Kennenlerntermin vereinbart.

Dissoziative Identitätsstörung

Die Medizin geht bei einer dissoziativen Identitätsstörung von der Existenz zweier oder mehrerer Persönlichkeiten bei einem Menschen aus. Diese Persönlichkeiten können Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen übernehmen und haben eigene Charaktereigenschaften. Betroffene können sie nicht kontrollieren.

Es gibt Experten, die sagen bei einer multiplen Persönlichkeitsstörung handele es sich um eine eingebildete Krankheit. Andere Studien wiederum, in denen die Hirnaktivität von Menschen mit dissoziativen Identitätsstörungen gemessen wurde, belegen das Gegenteil. Beispielsweise zeigte eine Untersuchung der niederländischen Forscher Ellert Nijenhuis und Simone Reinders, dass eine Frau mit zwei verschiedenen Persönlichkeiten jeweils unterschiedliche Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn aktivierte, wenn sie Erinnerungen verarbeitete. Gesunde Frauen, die ebenfalls an der Studie teilnehmen und sich dafür in verschiedene Rollen versetzten, konnten das nicht simulieren.

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