Er bekam fünf Jahre, sie hat lebenslänglich

77.000 Euro weg: Betrüger traf sich in Kassel mit einem seiner Opfer

„Ziemlich bester Schurke“ steht auf den Rädern seines Rollstuhls: Josef Müller im Gespräch mit Helene Leuker, deren Familie bei Müllers Finanzgeschäften 77 000 Euro verlor. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Mit der Aussicht auf lukrative Renditen hat Josef Müller Anfang der 2000er-Jahre 400 Kapitalanleger gelockt und um insgesamt neun Millionen Euro betrogen. Jetzt traf er eines seiner Opfer.

Vor zehn Jahren investierte auch die Kasseler Familie Leuker ihr gesamtes Geld in vermeintlich sichere Geschäfte der Münchner Ascania Vermögensverwaltung. Als die Blase platzte, waren 77.000 Euro weg. Josef Müller (59), der nach einem Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist, hat eine fünfjährige Haftstrafe abgesessen. „Wir haben lebenslänglich“, sagt Helene Leuker (70), die immer noch jeden Euro zweimal umdrehen muss.

Josef Müller ist mittlerweile ein erfolgreicher Buchautor (Titel: Ziemlich bester Schurke) und hält Vorträge über die Gier nach immer mehr Geld sowie sein zweites Leben als geläuterter Christ. Die HNA hat ein Treffen zwischen dem verurteilten Betrüger und der um ihr Geld betrogenen Helene Leuker organisiert.

Wie kam das Treffen zustande? 

Helene Leuker hat bis zum letzten Moment nicht geglaubt, dass aus dem telefonisch vereinbarten Treffen etwas wird. Dieser Mann möge noch so oft erzählen, dass er mittlerweile ein überzeugter Christ sei. Sie könne das einfach nicht glauben. Dafür sitzt die Verzweiflung über den existenzbedrohenden Verlust einfach noch zu tief. Am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr habe er Zeit, ließ Josef Müller wissen. Den Ort des Treffens im Umfeld des Kasseler Hauptbahnhofs wolle er kurzfristig vereinbaren.

Wie lief der Betrug ab? 

Von Bekannten bekamen die Leukers Anfang 2004 den Tipp, sich das Anlagemodell von Ascania genauer anzusehen. Das sei absolut seriös und verspreche keine astronomischen, aber doch sehr gute Renditen. Nach einer Werbeveranstaltung in Kassel mit über 100 Menschen waren die Leukers überzeugt. Josef Müller, der überaus integer wirkende Rollstuhlfahrer, hatte sie beeindruckt. Den Rest erledigte eine Beraterin aus Kassel.

Wann wurde klar, dass etwas nicht stimmt? 

Anfangs haben die Leukers ihr für den Ruhestand erspartes Geld - etwa 30 000 Euro - angelegt. Jeden Monat kamen die Bescheinigungen. Mal lag die Rendite bei acht Prozent, mal bei neun und auch mal bei zehn Prozent. Es ging immer nur bergauf. Es war auch kein Problem, Geld für eine neue Sofagarnitur oder eine größere Familienfeier abzuheben. Die Beraterin aus Kassel fragte dann, ob man nicht noch mehr anlegen wolle. Nach den guten Anfangserfahrungen machten auch die erwachsene Tochter und ihr Mann mit. Sogar das Sparbuch des Enkels wurde aufgelöst und angelegt. Dann kamen auf einmal keine Auszüge mehr. Innerhalb weniger Wochen war klar: Das Geld, insgesamt 77.000 Euro, ist weg. Eine Katastrophe, von der sich die Familie bis heute nicht erholt hat. 

Gab es Geld zurück?

Die Leukers haben bislang keinen Euro von ihrem eingezahlten Geld zurückbekommen. Ihre Rechtsschutzversicherung sprang für solche Fälle nicht ein, Geld für juristische Auseinandersetzungen hatten sie nicht mehr. Einige Anleger bekamen ihr Geld komplett und sogar mit Zinsen zurück. Die Leukers nicht.

Wie verlief das Gespräch? 

Josef Müller erschien wie vereinbart um 9.30 Uhr. Er hatte die Nacht nach einem Vortrag in Kassel im Hotel Reiss verbracht. Im Foyer fand das Gespräch statt. Den Vorwürfen der Familie stellte er sich. „Ich entschuldige mich ausdrücklich bei Ihnen“, sagte er. Seine kompletten Autorenhonorare will er den betrogenen Anlegern zukommen lassen. Viele von ihnen seien reich, damals wie heute Mitglieder der Münchner Schickeria. Für die sei das nur Spielgeld gewesen. Außer den Leukers seien ihm noch drei echte Härtefälle bekannt. Eigentlich müssten alle Gläubiger gleich behandelt werden. Müller machte aber ein Angebot: Er will prüfen lassen, ob es einen Weg gibt, Familien wie den Leukers eine größere Summe zukommen zu lassen. Helene Leuker hat ihm einen Zettel mit ihrer Bankverbindung in die Hand gedrückt. Was sie erwartet? Das wisse sie nicht, sagt sie und schluckt die Tränen runter.

Von Thomas Siemon

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